Siegessäule - Anne Klein: Gegenwind hat sie nie abgeschreckt

Berlin

Anne Klein: Gegenwind hat sie nie abgeschreckt


Die erste offen lesbische Senatorin Berlins ist am Ostersamstag gestorben. Berlin und die Community haben ihr viel zu verdanken

Anne Klein, 1989 auf dem CSD in Berlin, damals Senatorin für Frauen, Familie und Jugend

siegessaeule.de 30.4.2011 – Anne Klein ist tot. Die erste lesbische Senatorin Berlins hat es nicht geschafft, die Provence im Sommer noch einmal zu sehen. Das war eines ihrer Ziele, die sie sich gesteckt hatte. Tag für Tag hangelte sie sich ihm entgegen. Immerhin, andere Etappen, die sie sich setzte, auf dem Weg des Überlebens hat sie noch erreicht: den Frühling, die blühenden Bäume, ihren 61. Geburtstag im März. Auch das Meer hat die streitbare Rechtsanwältin noch einmal gesehen.

Anne Klein gehört zu jener Generation, die ein Tabu nach dem anderen brechen musste, um die Bundesrepublik aus ihrer Nachkriegsstarre zu holen. Sie hatte dabei immer die ungleiche Situation der Frauen im Blick. Als die gebürtige Saarländerin, die ihre ersten Erfolge übrigens als Schlagersängerin Anouk feierte, 22-jährig nach Berlin zieht, nimmt die neue Frauenbewegung dort gerade Kontur an. Dass Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, in den Siebziger Jahren nahezu ausschließlich von Männern dominiert sind, dass Vergewaltigung und Missbrauch als Kavaliersdelikte gelten, dass die Gesellschaft auf die Doppelbelastung der Frauen und ungleichen Lohn ausgerichtet ist, dass alleinerziehende Mütter und lesbische Frauen mit Stigmata leben – all das sollte angeprangert werden.

Kompetent und streitbar leistete Anne Klein in Berlin Pionierarbeit

Klein, damals junge Rechtsreferendarin, steht plötzlich mittendrin: Sie  kämpft mit anderen Frauen zusammen für Frauenhäuser, gründet eine feministische Anwaltskanzlei, erarbeitet eine Rohfassung des Antidiskriminierungsgesetzes und wird 1989 im ersten rot-grünen Senat als Parteilose für die Grünen zur ersten feministischen und offen lesbisch lebenden Senatorin für Jugend, Frauen und Familie ernannt.

Als Senatorin und später auch als Präsidentin eines Versorgungswerkes der Rechtsanwälte leistet sie Pionierarbeit. Gegen Diskreditierungsversuche der Springer-Presse. Die titelte „Zocker-Zora“, weil Klein früher einmal an einem Spiel teilgenommen hatte und ein paar tausend Mark gewann, die sie dem Frauenhaus spendete. Wer die Gesellschaft modernisiere, müsse mit Gegenwind rechnen, sagte Klein in ihrem letzten Gespräch mit mir vor zwei Monaten. Und sie stellte dabei auch die große Frage, was ihr der Krebs sagen will. „Dass ich um mich kämpfen soll? Diesmal für mich?“ Sie hat es, wie alles, um das es zu kämpfen gilt, versucht.

Waltraud Schwab