Siegessäule - Berlin: Die Freiheit, anders zu sein?

Berlin

Berlin: Die Freiheit, anders zu sein?


Hunderttausende feierten beim lesbisch-schwulen Stadtfest, am gleichen Wochenende kam es zu homophoben Überfällen in Berlin

SIS 16.6.2010 – Am Wochenende feierten über 400.000 Besucher und Besucherinnen am Nollendorfplatz in Schöneberg auf dem 18. lesbisch-schwulen Stadtfest die Freiheit, anders zu sein. Das größte Homo-Kiezfest Europas, vom Regenbogenfonds e.V. organisiert, bot auf 25.000 Quadratmetern mit fünf Bühnen ein riesiges Spektakel.

Andernorts war davon in Berlin nichts zu spüren. Siegessaeule.de dokumentiert hiermit homophobe Vorfälle am gleichen Wochenende. „Ich bin brutal angegriffen worden”, erklärt ein schwuler Rechtsanwalt aus Prenzlauer Berg am Telefon gegenüber siegessaeule.de. Als Tom* mit seinem Freund am Donnerstagabend eine Straße in Prenzlauer Berg überqueren wollte, hörte er von weitem schon homophobe Sprüche von vier männlichen Jugendlichen, so seine Schilderungen. Als er diese passierte, wurde er angegriffen, wehrte sich aber. Dabei wurde er von einem der Täter geschlagen und getreten, wodurch frische Operationswunden an seinem Bein wieder aufplatzten. Als seine Gegenwehr endlich Erfolg hatte, flüchteten die Jugendlichen und Tom wurde ins Krankenhaus gebracht. Derzeit läuft eine Anzeige gegen die Täter, dies bestätigt die Berliner Polizei. Der auch am Telefon fühlbare Schock wird bei Tom wohl noch länger anhalten: „Da ist noch immer eine Unsicherheit.”

Selbst im unmittelbaren Stadtfestkontext kam es zu homophoben Ausfällen. Am Samstag Abend wurden nach dem Stadtfest gegen 23:30 Uhr zwei lesbische Frauen auf dem Bahnsteig der U-Bahn am Nollendorfplatz als Kampflesben beschimpft. Als sie daraufhin stehenblieben, wurden sie bedroht, so eine der Betroffenen gegenüber siegessaeule.de  Der Ordnungsdienst, bestehend aus einem Mann und einer Frau, den sie um Hilfe baten, griff nicht ein. Die lesbischen Frauen bekamen zu hören, sie sollten doch einfach weitergehen, es sei nicht nachprüfbar, wer angefangen habe.

Wenn man bei den beiden Lesben und auch bei Tom vielleicht noch von Glück im Unglück reden kann, hatte ein 32-Jähriger ebenfalls an jenem Wochenende wesentlich weniger davon. Gegen 22:55 Uhr Samstag Nacht wurde er mit seinem 28 Jahre alten Lebensgefährten in Alt-Treptow von unbekannten Männern überfallen. Das schwule Paar musste schwere Schläge einstecken und verfolgte daraufhin die flüchtenden Täter. Einer der Angreifer machte kehrt, warf den Lebensgefährten zu Boden und stach dessen älteren Freund in den Rücken, so eine Pressemitteilung der Berliner Polizei. Der 32-Jährige erlitt schwerwiegende Verletzungen und musste notoperiert werden. Nach anfangs widersprüchlichen Aussagen, inwiefern die Tat einen schwulenfeindlichen Hintergrund hatte, wird jetzt laut Pressestelle der Berliner Polizei doch von einem homophoben Hintergrund ausgegangen. Aufgrund der Schwere der Tat ermittelt die Mordkommission.

Aus Anlass des Überfalls in Treptow wird am 16.6. um 17 Uhr eine Demonstration für Gewaltfreiheit vor dem Rathaus Treptow stattfinden. Aufgerufen wird von Alexander Freier (AG-Queer und Mitglied der BVV Treptow-Köpenick) und Oliver Igel (Vorsitzender der SPD-Fraktion in der BVV). Sie  erklären vor dem Hintergrund des Überfalls in Alt-Treptow und der generellen Situation in Treptow dazu: „Es gilt nun Flagge zu zeigen und sich solidarisch mit den Opfern von Gewalt zu zeigen. People of Colour, Menschen nicht deutscher Herkunft, Lesben, Schwule, bi-, trans- und intersexuelle Menschen, Menschen mit Handicap und ‚Linke’ sind häufig Anfeindungen und Gewalt ausgesetzt. Auch in Berlin häufen sich die Gewalttaten gegenüber LesBiSchwulen sowie trans- und interesexuellen Menschen. Solche Gewalttaten dürfen nicht hingenommen werden – nirgendwo!“

Nico Lehmann

16. Juni, 17 Uhr, Demonstration vor dem Rathaus Treptow, Neue Krugallee 4, 12435 Berlin

18. Juni, 17 Uhr, Eröffnung der Maneo-Ausstellung „Zeugnisse schwulenfeindlicher Gewalt“, Rathaus Köpenick, Vernissage und Hissung der Regenbogenflagge mit Bezirksbürgermeisterin Gabriele Schöttler

* Name verändert