Siegessäule - Christliche, jüdische und islamische LGBT-Aktivisten im Dialog

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Christliche, jüdische und islamische LGBT-Aktivisten im Dialog


Raum dafür bietet das Europäische Forum christlicher LGBT-Gruppen, 5.-8. Mai in Berlin, wir sprachen mit Ismail Mohr (Islamwissenschaftler)

Ismail Mohr, Islamwissenschaftler

siegessaeule.de 6.5.2011 – Das Europäische Forum christlicher Lesben-, Schwulen-, Bisexuellen- und Transgender-Gruppen ist ein Dachverband christlicher LGBT-Netzwerke. Erstmals seit seiner Gründung im Jahr 1982 tritt das Forum dieses Wochenende in Berlin in einen Dialog mit LGBT Aktivisten und Aktivistinnen jüdischer und muslimischer Religion.

Der Islamwissenschaftler Ismail Mohr im Gespräch mit siegessaeule.de über kulturelle und religiöse Praktiken orientalischer Gesellschaften, deren Toleranz und die deutsche (Spieß)bürgerfamilie  

SIS: Warum ist es schwierig, in einer islamisch geprägten Familie Homosexualität offen zu leben?
IM:
Sexualität ist im Christen- und Judentum sowie dem Islam nur in einer Beziehung erlaubt, die theologisch gesehen als legal gilt, also der heterosexuellen Ehe. Viele einfache, theologisch nicht unbedingt gebildete Muslime denken jedoch, alles andere ist nicht erlaubt. Sexuelle Akte, unter anderen auch homosexuelle Aktivitäten, die außerhalb dieses „legalen“ Spektrums liegen, gelten dann als verboten. Ein solches Verbot ist aber nicht in den klassischen Schriften belegt. Der hohe Wert, der der Familie, aber auch Männlichkeitsvorstellungen in islamisch geprägten Kulturgruppen zugeschrieben wird, spielen da eine sehr große Rolle: ein homosexueller Mann gilt als feminin, passiv, das ist nicht erwünscht. Junge Männer haben Angst, dass sie Schande über die ganze Familie bringen, wenn sie sich zu ihrer sexuellen Orientierung bekennen.

SIS: Wie kommt diese Auffassung von einem „Verbot“ denn zustande?
IM: Die Menschen, die seit den 60ern zum Beispiel aus der Türkei als Gastarbeiter gekommen sind, kamen überwiegend aus dörflichen Gemeinschaften. Die haben ihr volkstümliches Weltbild und ihre traditionelle Auffassung vom Islam mit nach Deutschland gebracht. Leute aus religiös gebildeten, bürgerlichen islamischen Haushalten vertraten damals und vertreten auch heute noch andere Auffassungen. Das hat mit dem Islam in theologischer Hinsicht wenig zu tun, obwohl es in den Medien immer damit verbunden wird, Stichwort Ehrenmord und so weiter. Die heutige islamische Familie entspricht im übrigen dem Ideal der deutschen Familie der 60er Jahre: Mami – mit Kopftuch, Papi – geht in die Moschee, die haben zwei Kinderchen ... Sie ist im Grunde ein genaues Abbild der (spieß-)bürgerlichen Familienvorstellung der übrigen Deutschen: Einbauküche, Einfamilienhaus, Mercedes.

SIS: Was bringt ein multireligiöser Diskurs für LGBT?
IM: Es kann für Muslime durchaus interessant sein, mit schwullesbischen christlichen Gruppierungen in Kontakt zu kommen, die es zum Teil schon seit den 70ern gibt, und zu sehen, „die haben das Problem ja nicht minder als wir“. Es kann sehr wichtig sein, zu sehen, dass es Christen gibt, die dafür kämpfen, zugleich ihren Glauben und ihre Homosexualität zu leben. Anders herum: gläubige Muslime leben ihre Homosexualität oft nur im Verborgenen aus. Nach protestantischer Ethik wäre das undenkbar, ein solches Leben gälte als „Heuchelei“. Aber vielleicht bietet diese vermeintlich restriktive orientalische Kultur und Religion doch größere Freiräume, als wir Deutschen / Mitteleuropäer das von außen immer so wahrnehmen?

Interview: Elke Koepping

Das Europäische Forum christlicher Lesben-, Schwulen-, Bisexuellen- und Transgender-Gruppen findet vom 05.-08. Mai 2011 im Berliner Johannisstift statt. Es gibt zahlreiche öffentliche Veranstaltungen.
http://www.europeanforum-berlin2011.org/

Zur Website von Ismail Mohr: http://www.ismailmohr.de/islam_homo.html

 

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Kommentare


Mit zunehmenden Alter stellt sich für mich als spirituell suchender Schwuler die Frage, ob es Sinn macht, sich in einer der großen Weltreligionen zu engagieren. In vielen religiösen Richtungen gewinnen die konservative Kräfte zunehmend an Bedeutung z.B. in der katholischen unter Benedikt XVI (siehe Artikel über Meisner versus Berger), Evangelikale, Orthodoxe... Was bringt mir die Gemeinschaft in einer Kirche in der ich aufgrund meiner sexuellen Orientierung bestenfalls geduldet werde. Ich habe mich schon vor Jahren entschieden aus der kath. Kirche auszutreten - trotzdem bin ich immer wieder erschüttert wenn ich von schwulen- und lesbenfeindlichen Aktionen höre. Ich hatte die Hoffnung, dass sich die Kirche öffnet und ich dort als vollwertiges Mitglied ein geistiges Zuhause finde. Dem ist anscheinend nicht so.

von: alabasta, 07.05.2011 21:08 Uhr

Schon interessant, wie man mit Klischees aus der Vergangenheit die Gegenwart bedient. Vielleicht sollte man die vorher gemachte Anmerkung, dass die „höher gebildeten Schichten“ gleichfalls in Deutschland ihr „Heil“ nicht in der Einbauküche oder den Kinderchen (man hätte auch auf diese Verniedlichungsform verzichten können) gesehen haben. Außerdem darf eine moderne demokratische Gesellschaft auch völlig veraltete Lebensformen und Ausübungen von unzeitgemäßen Auflagen einer Religion ablehnen. Zumal die deutsche Gesellschaft, wie in dem Interview erwähnt, ja gelernt hat. Weiterhin wäre es interessant zu wissen, wie diese „größeren Freiräume“ den aussehen.

von: BerlinerBürger, 07.05.2011 14:37 Uhr

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