Das war ein paradoxer Sprechakt, den Judith Butler beim Berliner CSD vorgeführt hat: die Annahme eines Preises unter der Bedingung seiner Ablehnung. Am Vorabend sprach Butler in der Volksbühne über queere Allianzen, über die Schwierigkeit, mit anderen Minoritäten in Verhandlung zu treten, deren Verständnis man sich nicht sicher sein kann, über das Wagnis, öffentlichen Raum und gleiches Recht zu beanspruchen, wo sie einem streitig gemacht werden. Auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor setzte Butler ihre Thesen in die Praxis um. Sie lehnte den Preis um den Preis ihrer eigenen Ablehnung ab und forderte vom Berliner CSD explizite Solidarität gegen Rassismus, Antisemitismus, Antiislamismus und Nationalismus. Mit ihrem Doppelauftritt bringt Butler einen kritischen Dialog in Gang, provoziert klare Stellungnahmen, initiiert neue Allianzen. Dafür hat es sich gelohnt, dass sie auf sich nahm, was die Gastgeber ihr angetragen hatten. Sie ist ja angereist, hat ja den Vortrag gehalten, hat ja die Laudatio über sich ergehen lassen, hat ja anlässlich der Preisverleihung gesprochen. Was will man mehr? Judith Butler nahm mit ihrem politischen Statement den abgelehnten Preis ernst, und für diesen Akt der Zivilcourage gebührt ihr Anerkennung. Wem das zu kompliziert ist, der soll doch weiterfeiern.
Berlin
Der Eklat: Judith Butlers Rede am Brandenburger Tor
Eine ausführliche Betrachtung darüber, warum die Queer-Theoretikerin Judith Butler den Zivilcouragepreis des CSD Berlin nicht annehmen wollte von Malte Göbel
SIS 24.6.2010 – Eklat beim Berliner CSD am vergangenen Samstag! Eigentlich sollten die Queer-Theoretikerin Judith Butler und der Homosexualitätsforscher Martin Dannecker mit dem Zivilcouragepreis des CSD geehrt werden – doch Butler lehnte ab! Sie begründete: „Einige der Veranstalter_innen haben sich explizit rassistisch geäußert oder sich nicht von solchen Äußerungen distanziert. Die veranstaltenden Organisationen weigern sich, antirassistische Politiken als wesentlichen Teil ihrer Arbeit zu verstehen. In diesem Sinne muss ich mich von der Komplizenschaft mit Rassismus, einschließlich anti-muslimischem Rassismus, distanzieren.”
Die Reaktion war Erstaunen und Schock auf der einen Seite, auch Freude unter ein paar Butler-Fans im Publikum. „Da soll nochmal jemand sagen, der CSD sei nicht politisch!”, erklärte einer der Moderatoren verblüfft und versuchte so der Situation noch etwas Gutes abzugewinnen, der andere wies offensichtlich pikiert darauf hin, dass man sich nicht als rassistisch verstehe. Auch der Geschäftsführer des CSD Berlin, Robert Kastl, wies die Vorwürfe entschieden zurück: „Das ist vollkommen absurd und haltlos, wir wenden uns massiv gegen jede Form von Rassismus.” Die CSD-Organisatoren distanzieren sich seiner Angabe nach explizit von Islamophobie in der schwullesbischen Community.
Viele Medien berichteten, doch es gab ein Missverständnis: In den meisten Zeitungen und Online-Berichten war von einer Kritik Butlers an Kommerzialisierung und Oberflächlichkeit die Rede, nicht jedoch von ihrem Hauptanliegen, nämlich darauf hinzuweisen, dass Homosexualität nicht automatisch bedeutet, dass man frei von Diskriminierung ist. Und eben mal über den eigenen Rassismus nachzudenken. In einem Interview mit Radio Blu direkt nach ihrer Rede auf dem CSD wies Judith Butler noch einmal darauf hin, dass der CSD hauptsächlich von weißen, schwulen Männern organisiert sei, die sich teilweise rassistisch gegen Immigranten und Muslime geäußert hätten. „Sie verstehen ihr politisches Projekt nicht als Teil des Kampfes auch gegen Rassismus.” Für sie gehöre das aber untrennbar zusammen: „Queer” sei mehr als die eigene persönliche Freiheit, sondern es gehe „um ein breites Konzept von Freiheit, basierend auf sozialer Gleichheit”.
Wie unterschiedlich Butlers Kritik aufgenommen wurde, zeigt auch ein Pro&Contra in der taz: Tülin Duman, Geschäftsführerin von „Gays & Lesbians aus der Türkei” (GLADT), unterstützte die Position von Judith Butler: Allzu oft werde unterteilt in „gute” Schwule/Lesben und „böse” Migrant_innen. „Diese bewusst vereinfachende, Ausgrenzung befördernde Logik lehnen wir ab.” Es sei an der Zeit, Geschlecht, Herkunft und sexuelle Orientierung zusammenzudenken und nicht gegeneinander.
Ihr Counterpart Jan Feddersen sprach Judith Butler jegliche Grundlage für ihre Kritik am CSD ab: „Der CSD rund um die Siegessäule (und dieses Jahr am Brandenburger Tor) hat in den vergangenen Jahren keinen anderen Inhalt als den, gegen Homophobie, Sexismus, Rassismus sich zu artikulieren.” Er verkürzt Butlers Kritik auf die „Tendenz des CSD”, „Kommerzialität” und „Mainstream” – ohne sich mit ihren Hinweisen auf Rassismus inhaltlich auseinanderzusetzen. Nebenbei arbeitet er sich am Transgenialen CSD ab, den Butler als Alternative empfohlen hatte – der sei ein „CSD der GesinnungshüterInnen, der reinen Lehre”.
Es bleibt zu hoffen, dass der Ärger über die Form der Kritik Butlers nicht dazu führt, ihre Hinweise mit einem „Wir sind nicht rassistisch” abzutun. Ein Blick auf den Forderungskatalog des CSD zeigt: Von Engagement gegen Rassismus oder Islamophobie ist hier nicht direkt Rede, nur in einer allgemeinen Floskel, dass jeder Mensch „unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion, Alter, sexueller Identität, Behinderung, sozialem Status und demokratischer Prägung” zu respektieren sei.
Dass Butler keine Homosexualitätsforscherin ist, sondern Queer-Theoretikerin, und dass „queer” auch manchmal etwas anderes bedeutet als „nicht-heterosexuell”, hätte den Veranstaltenden klar sein müssen. Butler folgte mit ihrer Aktion dem Queer-Konzept, bewusst unbequem zu sein und sich ständig zu hinterfragen – in diesem Fall sich also nicht im Licht der Auszeichnung zu sonnen, sondern sich zu fragen, wofür diese eigentlich verliehen werden soll. Es wäre gut, sich an dieser Stelle konstruktiv mit ihrer Kritik auseinanderzusetzen.
Das gilt übrigens nicht nur für den „großen” CSD, sondern auch für den Transgenialen CSD in Berlin und Butler selbst. Wo zum Beispiel ist der Feminismus im Programm des Transgenialen CSD? Und Judith Butler hat vor ein paar Jahren Hamas und Hisbollah als progressive soziale Bewegungen bezeichnet, begründete das unter anderem mit der Notwendigkeit von heterogenen Bündnissen, also auch mit Leuten zusammenzuarbeiten, mit denen man nicht alle Positionen teilt. Vielleicht hätte sie im Hinblick auf ihre Bündnisvorstellungen einen weniger kränkenden Weg finden können, den Veranstaltenden des Berliner CSD ihre Kritik mitzuteilen – etwa durch eine Annahme des Preises und eine symbolische Weitergabe an die Gruppen, die sie in ihrer Rede als bessere Preisträger genannt hatte: LesMigras, GLADT, Suspect, ReachOut und den Transgenialen CSD.
Malte Göbel
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