Siegessäule - Die Schöpferin des Berlinale-Bären Renée Sintenis

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Die Schöpferin des Berlinale-Bären Renée Sintenis


Eine umfassende Biografie würdigt die androgyne Bildhauerin Renée Sintenis, eine der bedeutendsten Künstlerin der Weimarer Republik

© Osburg Verlag

SIS 8.2.2011 – Wenn am 19. Februar die Goldenen Bären der Berlinale vergeben werden, wissen wohl nur noch wenige, dass die Berliner Bildhauerin Renée Sintenis die Miniaturtrophäen einst erschaffen hat. Jetzt beschreibt Silke Kettelhakes Biografie „Renée Sintenis. Berlin, Boheme und Ringelnatz“ das Leben der Künstlerin, die 1888 als Renate Alice in Schlesien geboren wurde und 1907 an der Berliner Kunstgewerbeschule ihre Ausbildung in der Klasse für „dekorative Plastik“ begann. Die Ehe mit ihrem Professor Emil Rudolf Weiß, einem Typografen und Maler, öffnete ihr später die Türen zu wichtigen Kreisen und leitete ihre künstlerische Anerkennung in die Wege. Bildhauerei galt damals als „männliche“ Domäne; die Frau als schaffende Künstlerin war eigentlich eine Unmöglichkeit. Doch Renée Sintenis kreierte bald etwas sensationell Neues, vor allem kleinformatige Tierplastiken, weibliche Aktfiguren und Sportstatuetten. Grazile Bronzen wie ihre „Kleine Daphne“ oder ihr „Springendes Fohlen" entwickelten sich schnell zum Verkaufsschlager und waren auch in den Ausstellungen der Berliner Secession vertreten. In berühmten Künstlerkreisen verkehrte sie meist als einzige Frau.

Das L-Wort fällt nie

„Sie hat es genossen, sich androgyn zu präsentieren, und das legte  wohl bei ihren Zeitgenossen, aber auch bei heutigen Betrachterinnen ihrer Fotos die Interpretation nahe, dass sie lesbisch gewesen sein muss, sagt die Berliner Historikerin Claudia Schoppmann. Doch dafür gibt es keine Belege. Silke Kettelhake erwähnt dezidiert zwar etliche schwule Zeitgenossen, etwa den einflussreichen Galeristen Alfred Flechtheim oder den Feuilletonisten Hans Siemsen, zu dem Sintenis zeitlebens eine enge Beziehung hatte. Aber keine der lesbischen Berühmtheiten der Ära taucht auf, obwohl die Ausnahmekünstlerin in allen wilden Kreisen verkehrte und die Schriftstellerin Christa Winsloe „mit einer Freundin“ traf: Das L-Wort fällt nie.

Silke Kettelhakes herausragende Leistung liegt in der akribisch recherchierten Fülle von Fakten, die sie oft überaus literarisch erzählt: über entartete Kunst oder deutsche Kunstgeschichte und Kunstpolitik vom Kaiserreich bis zum traurigen Tod von Sintenis 1965. Zudem fand die Biografin heraus, dass Sintenis als „Halbjüdin“ zwar aus der Akademie der Künste ausgeschlossen wurde, aber die für ihre Arbeit existenzielle Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer behielt, weil ein hoher NS-Funktionär sie schützte. Eindrucksvoll, aber viel zu detailreich sind die Beschreibungen des Leids im NS-Staat oder der grauenvollen Kriegs- und Hungerjahre. Und auch die Passagen über das bewegte Leben des „Versvagabunden“ Joachim Ringelnatz sind viel zu dominant, so schön seine Gedichte auch sind. Daraus hätte gut eine weitere Biografie entstehen können.   

Andrea Winter

Silke Kettelhake: „Renée Sintenis. Berlin, Boheme und Ringelnatz“, Osburg Verlag, 480 Seiten, 24,90 Euro


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