Berlin
Eren Ünsal: Vielfalt als Potenzial für Berlin
Die Leiterin der Landesantidiskriminierungsstelle im Interview über die Initiative für sexuelle Vielfalt
Eren Ünsal, Leiterin der Landesantidiskriminierungsstelle Berlin
SIS im November 2010: Frau Ünsal, inwiefern war die Landesantidiskriminierungsstelle (LADS) involviert in die Entwicklung der Initiative zur Akzeptanz sexueller Vielfalt in Berlin? (beschlossen wurde die Initiative 2009, umgesetzt wird sie 2010 und 2011 – mehr zur Initiative hier, Anm. der Red.)
Eren Ünsal: Beim Erstellen der Initiative hat die LADS die Federführung übernommen. Im Dialog auch mit Akteurinnen und Akteuren aus dem LGBT-Bereich wurden über 60 Maßnahmen entwickelt. Uns war es ein wichtiges Anliegen, aktiv zu werden, da es noch einen großen Bedarf gibt.
Welche Maßnahmen betreffen Ihre Verwaltung?
Es sind zwei Pakete geschnürt worden, das eine setzt im Bildungsbereich an, das andere bezieht sich auf anderen Handlungsfelder wie Diskriminierung und vorurteilsmotivierte Kriminalität bekämpfen, den gesellschaftlichen Dialog fördern und nicht zuletzt der rechtlichen Gleichstellung bundesweit zum Durchbruch verhelfen. Dieses zweite Paket wird größtenteils von uns umgesetzt, betrifft aber nicht nur unsere Verwaltung. Dazu gehören die vielfältigsten Maßnahmen, wiebeispielsweise Diversity- und Sensibilisierungstrainings für verschiedene Berufsgruppen und für Mitarbeitende der Berliner Verwaltung. Ein anderer Beschluss besagt, dass LGBT-Persönlichkeiten stärker bei der Benennung von Straßen berücksichtigt werden sollen. Auch das koordinieren wir, aber die Zuständigkeit liegt hier bei den Bezirken.
In Ihrer Verwaltung sind sechs communitynahe Projekte entstanden, welchen Job haben sie?
Die Schwerpunkte liegen in der Stärkung und Ermächtigung der Zielgruppe. Außerdem geht es um Sensibilisierungen der Mehrheitsgesellschaft und in bestimmte Zielgruppen hinein. Desweiteren haben wir im Rahmen der Initiative zwei Dialogansätze. Den Runden Tisch für Akzeptanz, an dem sich LGBT-Projekte mit religiösen Verbänden bzw. mit Migrationsverbänden austauschen. Der zweite Dialogansatz ist das Bündnis gegen Homophobie, eine Initiative vom LSVD, die wir im Rahmen der Initiative fördern. Die Idee des Bündnisses ist es, die Mehrheitsgesellschaft ins Boot zu holen. Unternehmen, Organisationen und Institutionen positionieren sich klar gegen Homophobie.
Diese Maßnahmen können nur punktuell wirken, greifen zwei Jahre für die Initiative nicht viel zu kurz?
Solange es noch Menschen gibt, die Vorurteile gegenüber LGBT haben, sind wir gezwungen, weiterhin mit Nachdruck unsere Arbeit fortzusetzen. Aus der Kampagnenarbeit wissen wir, dass Kampagnen erst nach ein paar Jahren überhaupt Erfolge zeigen. Dass sie sehr kostenaufwändig sind, sehr breit durchgeführt werden müssen. Das heißt, es ist ein guter Anfang, über den wir uns freuen und von dem wir hoffen, dass er weiterhin von Berlin getragen wird.
Eine Maßnahme betrifft Vielfalt in den Verwaltungen. Inwieweit geht Ihre Verwaltung mit gutem Beispiel voran?
Für die LADS kann ich sagen, wir haben das Glück, dass wir sehr heterogen im Sinne unserer sexuellen Orientierung, unseres Alters oder unseres Migrationshintergrunds sind, um nur einige Beispiele zu nennen. Das Ziel muss sein, eine Kultur zu schaffen, die es erlaubt, dass Menschen mit ihren unterschiedlichen Hintergründen offen umgehen können und das auch als Potenzial erkennen.
Sie sprechen von Potenzial. Inwiefern bereichert Vielfalt?
Ein diskriminierungsfreies Leben ist ein grundlegendes Menschenrecht. Wenn es Strukturen gibt, die Menschen aufgrund bestimmter Merkmale benachteiligen, ist das etwas, wogegen wir unbedingt angehen müssen. Der Diversity-Ansatz hilft uns, einen Lebens- und Arbeitskontext zu ermöglichen, der diskriminierungsarm ist. Wir müssen immer schauen, welche Gruppen sind warum unterrepräsentiert und welche Strukturen machen, dass ihnen bestimmte Zugänge verwehrt bleiben. Darüber hinaus sagen zahlreiche Studien, dass ein Arbeitsumfeld, das von Diversity geprägt ist, eine höhere Arbeitseffizienz erzielt und Menschen ermöglicht, sich besser und flexibler in Arbeitskontexte einzubringen und ihre persönlichen Potenziale besser zu entwickeln.
Interview: Sirko Salka
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