Siegessäule - Fachgespräch Intersexualität im Bundestag

Berlin

Fachgespräch Intersexualität im Bundestag


SIS 31.5. 2009 – Unter dem Titel "Jenseits der zwei Geschlechter – wie kann die Situation intersexueller Menschen verbessert werden", lud die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen am letzten Mittwoch zu einem Fachgespräch in den Bundestag ein. Rund 50 Gäste nutzten die Gelegenheit und diskutierten medizinische, psychologische wie auch rechtliche Aspekte der Zwischengeschlechtlichkeit. An Politik und Gesellschaft wurden klare Forderungen adressiert.

In Deutschland leben schätzungsweise 100.000 Intersexuelle, das sind Menschen, deren Geschlecht sich nicht eindeutig bestimmen lässt. Eine kleine, aber entscheidende Minderheit, da sich am Umgang mit diesen „Zwischengeschlechtern“ ablesen lässt, wie Geschlecht in unserer Gesellschaft gemacht wird, aber auch: wie ernst die Gesellschaft die Rechte einer sehr kleinen Minderheit nimmt. Die „Zwitterwesen“ sind queer in dem Sinne, dass sie nicht ins gängige Mann-Frau-Schema passen. Mit der Geburt wird ihnen dennoch in den meisten Fällen ein Geschlecht zugewiesen. Noch im Säuglingsalter werden oft operative Eingriffe zur Anpassung an eines der beiden dominierenden Geschlechter vorgenommen. Von einer freien Wahl des Kindes kann dabei keine Rede sein. „Die Menschenversuche an intersexuellen Kindern müssen jetzt gestoppt werden“, forderte Lucie Veith, Vorsitzende des Vereins Intersexuelle Menschen e.V. auf der Fachtagung der Grünen im Bundestag. Die Bundesregierung sei klar zum Handeln aufgefordert. Die Koautorin des Schattenberichts zur Intersexualität (2008) wies ferner auf das bestehende Kastrationsverbot in Deutschland hin und auf die „großen Traumatisierungen“ intersexueller Menschen.

Eine medizinische Behandlung könne, müsse aber nicht zu Traumatisierungen führen, erklärte hingegen Hertha Richter-Appelt, Professorin für Psychotherapie und Sexualwissenschaften an der Universität Hamburg. So sei laut einer Hamburger Studie jeder zweite Intersexuelle mit der Behandlung zufrieden, und das obwohl beinahe jeder Patient eine lebenslange Hormontherapie in Kauf nehmen müsse. Richter-Appelt verortete Probleme in der Beratungsarbeit mit Eltern und benannte soziale wie sexuelle Ängste von Betroffenen.

Die Mutter eines intersexuellen Kindes, U. Rosen bereicherte die Runde mit persönlichen Erfahrungen: Rosen schilderte Unsicherheiten von Eltern, Selbstvorwürfe aber auch den Mut und die Kraft, mit diesem Thema offen umzugehen. Von den Medizinern und Hebammen forderte sie eine einfühlsame Beratung. Außerdem gehöre das Thema Intersexualität in den Sexualkundeunterricht. „Die Gesellschaft muss aufhören, Intersexualität als eine krankhafte Abweichung von der Normalität zu betrachten“, so U. Rosen. Politisch gehe es um die Aufhebung des binären Geschlechterverhältnisses. „Mit Frau und Mann haben wir zwei Extreme, aber es gibt viel dazwischen!“

Kritik am Fachgespräch äußerten Vertreter von TransInterQueer Berlin (TrIQ) und der Internationalen Vereinigung intergeschlechtlicher Menschen (IVIM): Intergeschlechtlichkeit sei kein medizinisches Problem, sondern ein gesellschaftspolitisches Thema. Die Auswahl der ReferentInnen aus Medizin und Psychologie käme jedoch einer „medizinischen Bevormundung“ gleich. Gastgeberin des Fachgesprächs Irmingard Schewe-Gerigk (Fraktion Bündnis 90/Die Grüne) wies diese Kritik von sich.
(sisa)