Siegessäule - Ferienwohnungen gegen Mietraum?

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Ferienwohnungen gegen Mietraum?


Das Geschäft mit Ferienwohnungen boomt – auch Schwule und Lesben nutzen die Unterkünfte gerne – und bieten sie an. Leidet der Wohnungsmarkt?

© screenshot www.ziegert-immobilien.de Viele schöne Wohnungen im Graefekiez - ab 230.000 Euro. Die Zielgruppe sucht das „Kiez-Mileu”

siegessaeule.de 21.7.2011 – „Im Graefekiez haben wir bisher rund 60 Ferienwohnungen ausgemacht“, erzählt Martin Berger von der Kreuzberger Interessengemeinschaft Graefekiez. „In der Böckhstraße wohnt einer, der unterhält dort allein drei Ferienwohnungen.“ Neben der Unruhe, die die ständig wechselnde Belegschaft für die Einwohner und Einwohnerinnen mit sich bringt, ärgert ihn vor allem: „Meistens handelt es sich um 1-2-Zimmerwohnungen. Die werden so dem Mietmarkt entzogen.“ Also genau die, die für weniger einkommenstarke Singles wichtig wären, und „von denen gibt es viele in Berlin“, so Berger gegenüber siegessaeule.de.

Die „helle, moderne Dachgeschosswohnung im Milieu des Graefekiez“, wie sie als eines von sehr vielen Beispielen auf www.123berlinzimmer.de angeboten wird, kostet 70 Euro pro Nacht, den ganzen Monat gibt es schon für 1470 Euro. Laut Mietspiegel läge die Kaltmiete der Wohnung bei 450 Euro im Monat. ‚Normale’ Mietverträge erscheinen da fast zwangsläufig als wenig lukrativ.

Auf 15.000 bis 25.000 schätzt der Berliner Hotel- und Gaststättenverband die Zahl der Ferienwohnungen in Berlin, der Berliner Mieterverein bestätigt die Zahl. Nur 31 Wohnungen sind in Berlin dagegen als touristisches Gewerbe gemeldet.

Die Wohnvermittlung nur für Frauen, frauenbu.de, hat fast nur private Zimmer im Angebot, selten ganze Wohnungen, so Inhaberin Brigitte Rajowitz. Ebab.de, eine der bekanntesten schwullesbischen Agenturen für Ferienwohnungen, gibt an, in Berlin etwa 230 Wohnungen zu vermitteln. „Ich glaube nicht, dass wir damit den Wohnungsmarkt relevant belasten“, sagt Rainer Sieper von Ebab gegenüber siegessaeule.de, „das Problem sind doch die Investoren, die die Stadt aufkaufen“.

„Die Ferienwohnungen sind Teil eines größeren Problems“, sagt auch Berger von der Graefekiezinitiative: „Immobilien-Investoren wie Taekker, Skjerven oder Ziegert kaufen ganze Häuser, sanieren sie, um sie dann teuer zu vermieten oder zu verkaufen. Oftmals sind Objekte dann so teuer, dass sie kaum vermietet werden können – als Ferienwohnung rechnet es sich dann wieder.“ Die Zwischennutzung als Ferienwohnung ist hier Teil einer Verwertungskette. „Wir erleben gerade, wie der Mietmarkt zum Finanzmarkt umgebaut wird“, so Berger.

Das andere, kleinere „Finanzmodell“ funktioniert nach dem Prinzip, als Privatperson mehrere Wohnungen anzumieten, und diese dann als Ferienwohnungen für sich arbeiten zu lassen. Auch viele Berliner und Berlinerinnen machen das, sei es hauptberuflich mit mehren Wohnungen, oder nebenbei im kleineren Rahmen, wo die Wohnung nebenan noch einen netten Nebenverdienst abwirft. 

Dauerhaftes Wohnen statt Ferienwohnungen

Mietinitiativen wie die im Graefekiez weisen schon länger auf das Problem mit dem Ferienwohnungs-Wildwuchs hin. Diese „Wohnraumzweckentfremdung“ ist als Thema jetzt auch in der Berliner Politik angekommen. Die Grünen haben im Februar im Abgeordnetenhaus den Antrag „Wohnungsmarkt sozial gestalten (II): Wohnraum erhalten – Zweckentfremdung verhindern“ gestellt. SPD und Linke übernahmen ihn in Teilen und haben im Mai 2011 den Senat aufgefordert, „zu prüfen, wie eine Nutzung von Wohnungen, die zum dauerhaften Wohnen errichtet wurden, als Ferienwohnungen mit ständig wechselnden Gästen eingedämmt werden könnte.“

Als Mittel zum Zweck wird vorgeschlagen, „eine Verordnung zum Verbot der Zweckentfremdung für bestimmte Stadtgebiete, in denen die Ferienwohnungsnutzung besonders ausgeprägt ist, zu prüfen.“ Konkret hieße das, dass in ausgewiesenen Gebieten Ferienwohnungen generell melde- und genehmigungspflichtig wären – und damit auch abgelehnt werden könnten. „Sinnvoll wäre ein Genehmigungsvorbehalt, der in den Händen der Bezirke läge“, sagt Andreas Otto, bau- und wohnungspolitischer Sprecher der Berliner Grünen gegenüber siegessaeule.de. Die Bezirke könnten dann entscheiden, wie viele Ferienwohnungen sie zulassen. „Eine einheitliche Quote für Berlin wäre nicht sinnvoll“, so Otto. Martin Berger vom Graefekiez ist allerdings skeptisch. „Das beträfe doch nur Mietwohnungen, ich glaube nicht, dass der Senat Eigentümern die Nutzung vorschreiben würde.“ Genau das sei der „kribbelige Punkt“, so Otto: „es hinzubekommen, dass auch Eigentumswohnungen unter eine Nutzungsverordnung fallen würden“.

Laut dem Antrag „Wohnungsmarkt sozial gestalten (II)“ sollte der Senat bis 30. Juni 2011 einen ersten Vorschlag liefern. Mit dem sei aber erst zur nächsten Tagung des Abgeordnetenhauses zu rechnen, sagt Mathias Gille, Pressesprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gegenüber siegessaeule.de. Das ist dann am 4. September. Zwei Wochen vor der Wahl. Ob da noch viel passiert?
Christian Mentz

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Kommentare


Der Hinweis auf den Artikel wurde von uns gelinkt auf dem Forum der Webseite www.graef-kiez.de
Ferienwohnungen gegen Mietraum?
Auch das klassische Magazin der Berliner Schwulen und Lesben Bewegung Siegessäule hat das Thema
Ferienwohnungen im Graefekiez behandelt. unter dem Titel "Ferienwohnungen gegen Mietraum?" hat
Christian Mentz einen Artikel geschrieben:
"Das Geschäft mit Ferienwohnungen boomt – auch Schwule und Lesben nutzen die Unterkünfte gerne – und
bieten sie an. Leidet der Wohnungsmarkt?..."
mehr unter dem Link:
http://www.siegessaeule.de/queer-berlin/ferienwohnungen-gegen-mietraum.html

Die AG-Mieten im Graefekiez trifft sich jeden
1. Montag im Monat in der Weltküche, Graefestr. 18 um 19 Uhr

von: Martin, 10.08.2011 10:42 Uhr

1. Nein, zumindest nicht, dass es mir bekannt wäre

2. Richtig. Daher ist es auch umso unverständlicher, warum Ferienwohnungsvermietungen am Fiskus vorbei betrieben werden.

3. Es steht nirgendwo im Text, dass FW komplett verboten werden sollen. Eine Quote für bestimmte Bezirke wäre aber sinnvoll & ein völlig normaler Vorgang, so wie zB Wohnnutzung und Gewerbenutzung in jedem städtischen Bebauungsplan (hoffentlich umsichtig) verteilt werden.

Gegenfrage: Warum sollten FW-Vermieter, die ja an der Attraktivität der Stadt verdienen, nicht auch per Gewerbesteuer einen Beitrag zur Stadtfinanzierung leisten? Muss jedeR andere Gewerbetreibende ja auch. "Ungerecht" und Grund zur "Empörung", wie du schreibst, wäre es, wenn nicht.

4. eben

5. Zumindest kann man beobachten, dass das Geschäftsmodell auch für viele Schwule reizvoll ist, guck dir mal die Kleinanzeigen auf den den blauen Seiten an - aber dazu und zur Empörung siehe 3.

Christian Mentz, siegessaeule.de

von: Christian Mentz, 31.07.2011 13:42 Uhr

1. Wohnt der Autor (oder Freunde vom Autor) im Graefekiez?

2. Wenn Berlin sich Beamten für die Meldestellen nicht mal leisten kann, wer soll die Ferienwohnungen kontrollieren?

3. Wer jemals in einer Ferienwohnung übernachtet hat (in Berlin oder anderswo) kann sich aus der Debatte halten

4. Rot-Rot will "prüfen" was "gemacht werden könnte". Nach der selbsterverständlich.

5. Was haben Ferienwohnungen mit Homosexualität zu tun? Ich spüre hier nur Empörung, Empörung, wie böse und ungerecht das Leben wird.

von: Der, 27.07.2011 00:48 Uhr

@ Oliver:
Zitat: "vor allem nicht vom eigentlichen Problem, der fehlenden Förderung von günstigen Wohnraum durch den Senat und Herrn Wowereit ablenken!" ....

Was ist das denn für ein Staatsverständnis? Den Politikern wird's angekreidet, wenn sie Scheiße bauen, aber der Bürger darf sich auf Kosten anderer und äußerst zweifelhaft bereichen?

von: gunnar, 23.07.2011 10:21 Uhr

Gefühltes Problem? Glaube ich eher nicht, und was die Zahlen angeht: Wenn man die 25.000 Ferienwohnungen nicht der Gesamtwohnungszahl, sondern der Wohnungszahl der sogenanten In-LKieze gegenüberstellt, wäre das Problem wohl schon etwas deutlicher... Oder sollen die In-Kieze nur noch wohlhabenden vorbehalten sein, die genau das Mileu suchen, dass sich eben nicht herbaukaufen lässt?
Aber wenn es eh nicht so schlimm ist, kann eine Quote ja ruhig kommen. Ich jedenfalls finde es eine Frechheit, wenn irgendwelche Leute 3-4 oder Wohnungen anmieten, in einer leben und den Rest vermieten, weil man da eben mehr geld raussaugen lkan als mit stinknprmalen Mietern. Das machen auch genug Schwule. Muss man ja nur mal auf den üblichen Seiten gucken, da werden massenhaft wunderbare kleine Wohnungen zur Kurzzeitmiete angeboten, von der Motzstraße bis zum Alex. Und genügend Leute finden keinen adäquaten Wohnraum mehr. Bisher mag es noch nicht so die Menge sein, umso wichtiger ist, dass das begrenzt wird.

von: Harald, 22.07.2011 15:02 Uhr

@Harld - die Zahlen belegen doch, dass es dieses Problem der Verdängung in dem Ausmaß garnicht gibt. Das ist vielleicht ein gefühltes Problem und noch dazu sind nur ganz wenig Kieze betroffen. Ich denke, man sollte hier nichts aufpauschen und vor allem nicht vom eigentlichen Problem, der fehlenden Förderung von günstigen Wohnraum durch den Senat und Herrn Wowereit ablenken!

von: oliver, 22.07.2011 13:55 Uhr

Eine Quote wäre vielleicht gar nicht so schlecht, die "bösen Reichen", wie Jasmin sie nennt, wollen doch in den Kiezen wohnen, in denen die ein urbanes Milieu herrscht, dass sie eben in ihren sterilen Wohnparks wie der Townhousewüste am Volkspark Fhain NICHT finden! Die wollen doch gar nicht unter sich sein, man täte ihnen einen Gefallen, wenn man eine Quote einführt, wie viele Ferienwohnugen ein Kiez verträgt. Das beliebte Kiezmileu gibt es eben nur, wenn ein Kiez für alle da ist. Man sieht ja was aus Teilen von Prenzlberg geworden ist.

Theoretisch könnte man doch auch die Plattenstädte zu Ferienorten umbauen, da ist genug Platz. Aber da sollen wahrscheinlich die hinziehen, die aufgrund steigender Mieten in ihren Kiezen nicht mehr leben können. Die Luxussanierte Wohnung hebt nämlich auch den gesamten Mietspiegel im Kiez.

Gegen Touris ist doch absolut nichts zu sagen, aber es läuft in die falsche Richtung, wenn dafür dringend benötigte Wohnungen häuserweise in Ferenwohnungsanlagen umgebaut werden, und sich die Vermieter - die natürlich KEINE Gewerbesteuer zahlen wie die Hotels - daran bereichern. Das ist dann quasi die kapitalistische Version des Hausbesetzers! Es gibt genügend sehr günstige Hotels für Touris!

von: Harald, 22.07.2011 10:18 Uhr

Die Linken wieder :-) "Die BÖSEN Reichen und BÖSEN Touris nehmen unseren Wohnraum weg" denen müssen wir die Autos anzünden :-) Das Motto der Kreuzberger und Friedrichshainer Szene. Menschen die meist noch nicht einen Cent in unsere Sozialversicherungen einbezahlt haben, Menschen die nichts für unsere Gesellschaft machen...
Berlin lebt von Tourismus! Wohl der einzige Wirtschaftszweig der ein wenig funktioniert.
Siegessäule wirklich schlimme Berichterstattung!

von: Jasmin, 21.07.2011 19:35 Uhr

In Berlin gibt es 1,9 Mio Wohnungen. Und jährlich steigt der Bestand um 4.000. Wieso sollen da 15.000 oder 20.000 Ferienwohnungen ein Problem sein. Außerdem bringen die Touristen auch Geld in die Kieze, denn die kaufen ein und besuchen die Cafes, Bar und Restaurants. Das Problem mit zu wenig bezahlbaren Wohnungen liegt wo ganz anderes. Ich denke da nur an die tausende privatisierter Wohnungen des Landes Berlin - das ist ist doch ein viel größeres Übel.

von: Oliver, 21.07.2011 16:36 Uhr

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