Siegessäule - Frauen-Malerin: Retrospektive mit Gertrude Sandmann, bis 3.4

Berlin

Frauen-Malerin: Retrospektive mit Gertrude Sandmann, bis 3.4


„Vom Sehen und Leben" – die Retrospektive zeigt Arbeiten der in NS-Deutschland verfolgten jüdischen, lesbischen Frau

Gertrude Sandmann (li) und Hedwig Koslowski, ca. 1950

siegessaeule.de 15.3.2011 – Gertrude Sandmanns Biografie spiegelt das bewegte 20. Jahrhundert: Sie erlebte es als Künstlerin, als Jüdin und als homosexuelle Frau. 1893 wurde die Tochter wohlhabender Eltern in Berlin geboren. Das Studium an der Kunstakademie war für Frauen verboten, so wurde sie 1921 Schülerin bei der berühmten Käthe Kollwitz. Gertrude Sandmann fühlte sich in der jüdischen Gemeinde als lesbische Frau unverstanden und trat 1926 aus.
Ihre Arbeiten sind stilistisch eigenständig und beweisen eine intensive psychologische Auseinandersetzung mit den Modellen. Neben mondänen Porträts präsentiert die Ausstellung bewegende Bilder von Frauen in Ausnahmesituationen, etwa „Emigrantin“ von 1933, das wie eine Vorahnung des nationalsozialistischen Grauens erscheint. „Noch nie habe ich einen guten männlichen Akt gezeichnet. Er wird vielleicht richtig, aber bleibt ohne Schwung, Schularbeiten wie die Zeichnungen vom Atelierofen“, schrieb sie während der 1930er in ihr Tagebuch, das sie über Jahrzehnte führte. Als die Künstlerin 1935 Berufsverbot von den Nationalsozialisten erhielt und ihre Kunst als entartet galt, arbeitete sie heimlich weiter, auf Packpapier statt Zeichenkarton.

Sie blieb in Deutschland und überlebte

Ein Visum nach England nutzte sie nicht: Sie pflegte ihre schwerkranke Mutter in Berlin und fühlte sich trotz vieler Auslandsreisen nicht in der Lage, im Exil zu leben. Als sie im November 1942 den Deportationsbefehl bekam, war sie vorbereitet: Ein Abschiedsbrief sollte die Gestapo von einem Selbstmord überzeugen. Gertrude Sandmann überlebte die Judenverfolgung bei einer kommunistischen Familie. Ihre Freundin Hedwig Koslowski unterstützte sie moralisch und mit Lebensmittelkarten. Von 1946 an nahm die Künstlerin wieder an Ausstellungen teil und lebte in Schöneberg von einer Rente für Verfolgte des NS-Regimes. In den 70er-Jahren engagierte sie sich in autonomen Frauenprojekten und war Gründungsmitglied der Gruppe L 74 für ältere lesbische Frauen. Die Zeichnung „Liebende“ bildete lange das Titelblatt des Magazins Unsere Kleine Zeitung und ist als Original in der Ausstellung zu sehen. Den Verlag Coming Out begründete sie mit. 1981 starb Gertrude Sandmann nach schwerer Krankheit.     
Judith Meisner

Die Ausstellung „Vom Sehen und Leben – Gertrude Sandmann“ läuft bis zum 3. April im Haus am Kleistpark, Di–So: 10­–19 Uhr, Eintritt frei
hausamkleistpark-berlin.de

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