Berlin
Fußball: „Erschrecken beim Thema Homosexualität“
Im Berliner Fußballverband wird eine Anlaufstelle für Schwule und Lesben geschaffen. Tanja Walther-Ahrens, Ehrenamtliche des Jahres 2009, ist auch an diesem Erfolg beteiligt
© Tanja Schnitzler
SIS 26.3.2010 – Der Berliner Fußballverband (BFV) ist aufgeschreckt: Aufgrund einer Anfrage eines schwulen Spielers soll eine Anlaufstelle für Schwule und Lesben geschaffen werden. Was der Verband noch alles plant, erklärt Ex-Bundesligaspielerin und Vertreterin der European Gay & Lesbian Sport Federation Tanja Walther-Ahrens im Interview.
SIS: Der Berliner Fußballverband plant eine Initiative gegen Homophobie. Was soll da genau passieren? Tanja Walther Ahrens: Ich weiß nicht, ob man das Initiative gegen Homophobie nennen kann. Gerd Liesegang, zweiter Vorsitzender des BFV, meldete sich bei mir und erzählte, ein junger Spieler sei in seinem Freundeskreis geoutet und hätte jetzt Schiss, dass im Verein rauskommt, dass er schwul ist. Er plante ein Treffen mit dem Spieler und wir überlegten, was wir generell machen könnten.
Was ist dabei rausgekommen? Zusammen mit dem Berliner Beratungsnetzwerk Lesben, Schwule, Transgender für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung waren wir uns einig, dass es zunächst einen Ansprechpartner beim BFV braucht. Dann wollen wir Flyer und Infomaterialien entwickeln.
Wie kommt ihr an die Basis, an die Ehrenamtlichen, Vereine, Trainer heran? Damit es nicht wie bei der Aufklärung in Schulen jede Menge Material gibt, das dann nicht angefordert wird. Im Fußball wird das nicht anders sein, weil sich alle beim Thema Homosexualität erstmal erschrecken. Der BFV plant deshalb, es als Thema auf den Verbandstag – eine Art Jahreshauptversammlung aller Berliner Vereine – zu bringen und eine Information dazu im Schiedsrichterbrief zu veröffentlichen. Auch beim Treffen der Ehrenamtlichen soll es dazu Informationen geben. Wir wollen das Thema dort hinbringen, wo sich die Leute sowieso treffen. Wenn wir explizit zu dem Thema einladen, kommt außer den üblichen Verdächtigen keiner.
Du setzt auf persönliche Kontakte und auf die Funktionärsebene, um was zu verändern? Wir haben mit Gerd Liesegang den zweiten Vorsitzenden des BFV als Verbündeten, den brauchst du auch, um im Verband was zu bewegen. Aber alle anderen Treffen betreffen die Vereinsvertreter selbst. Da bist du auf der untersten Ebene.
Wie ist es mit dem Spieler weitergegangen. Ist dieser jetzt im Verein out? Er hat sich mit Gerd Liesegang getroffen und es war wichtig für ihn, dass im Verband einer ist, der ihn ernst nimmt. Inzwischen hat er sich in seinem Verein und in seinem Team geoutet und seine Ängste haben sich verflüchtet. Das war für ihn wichtig, zu sehen, dass ein Coming-out auch etwas Positives sein kann. Eine Last fällt weg.
Du bist gerade Ehrenamtliche des Jahres 2009 im BFV geworden, auf Vorschlag des Frauen- und Lesbensportvereins Seitenwechsel e.V. Hättest du dir das vor ein paar Jahren vorstellen können? Nicht wirklich. Denn sobald das Thema Homosexualität auftaucht, verschwinden Briefe und Anfragen, Telefonate werden nicht weitergeleitet. Nach dem Motto: Darüber reden wir nicht, wir haben ja keine Schwulen und Lesben.
Wo sitzen diejenigen, die das Thema ignorieren? Immer noch überall. Sowohl im Berliner Verband als auch im DFB. Du hast immer Personen, die sehr unterstützend sind und andere, die das nicht wollen. Bei den Trainerinnen und Trainern, bei den Schiedsrichtern, auf Funktionärsebene. Da gibt es noch viele dicke Bretter zu bohren.
Wird die Anlaufstelle beim BFV für den Männer- und Frauenfußball zuständig sein? Gibt es hier unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema Homosexualität? Die Anlaufstelle wird für beide sein. Es ist auch keine unterschiedliche Herangehensweise geplant. Das Problem mit dem Coming-out im Team haben eher schwule Spieler als lesbische Spielerinnen. Im Frauenbereich ist es kein Tabu, sondern eine unausgesprochene Tatsache, dass dort viele Lesben spielen. Da läuft die Diskriminierung eher subtil und in Richtung Sexismus. Wir werden sehen, inwieweit die Beratung dort anders sein muss.
Ist Unausgesprochenheit nicht auch Teil von Sich-Verstecken? Natürlich. Ich würde auch nicht behaupten, dass es im Frauenfußball keine Diskriminierung aufgrund von Lesbischsein gibt. Ich kenne auch Fälle in Berlin, wo Frauen aus dem Team gehen mussten, weil sie lesbisch sind. Oder eine Schiedsrichterin sagt, in meiner Karriere komme ich nicht weiter, wenn ich sage, dass ich lesbisch bin. Hier muss man die Betroffenen dazu bringen, dass sie sich an den BFV wenden, damit der beispielsweise als Sportgericht tätig werden kann. Dazu müssen wir eine Vertrauensbasis schaffen, damit alle, egal ob Männer oder Frauen, wissen, ich kann da hingehen, ich werde ernst genommen und die Sache wird vertrauensvoll behandelt.
Du bist seit Jahren das Aushängeschild für den Kampf gegen Homophobie im Fußball. Was treibt dich persönlich an? Am meisten treibt mich an, mich generell gegen Ungerechtigkeit zu engagieren. Ich bin nun mal homosexuell und im Fußball groß geworden. Ich wollte einen Beitrag dazu leisten, dass Lesben und Schwule sich auch in der Gesellschaft und nicht nur auf schwullesbischen Events wohl fühlen. Außerdem ist Fußball ein klasse Medium, um ein Thema in die Gesellschaft zu bringen.
Interview: Gudrun Fertig
hier zum Kommentar zur sogenannten Schiri-Affäre und Theo Zwanziger
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