Berlin
Homosexualität als „koloniales Erbe“?
Wie können wir Homophobie in Uganda, Iran oder Honduras sinnvoll bekämpfen? Eine gelungene Podiumsdiskussion beschäftigte sich mit der Lage vor Ort, aber auch der deutschen Flüchtlingspolitik
© zw Arsham Parsi, aktiv für Iranian Railroad for Queer Refugees,
SIS 5.5.2010 – Schadet es mehr als es nutzt, wenn man eine Petition gegen das geplante Anti-Homo-Gesetz in Uganda (siegessaeule.de berichtete) unterzeichnet? Ganz praktische Fragen wurden bei der Podiumsdiskussion zum Thema „Homo- und Transphobie in Uganda, Iran, Honduras: Ein Fall für die deutsche Außenpolitik?“ am gestrigen Dienstag erörtert. Zumindest die Antwort auf letztere Frage lautete vor dem voll besetzten Auditorium der Heinrich-Böll-Stiftung eindeutig Ja. Die Veranstaltung organisierte die Hirschfeld-Eddy-Stiftung in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung und der taz.
Auf reges Interesse stieß die Ethnologin Claudia Körner, die mit Eindrücken aus Ostafrika dienen konnte. Weil Homosexualität im afrikanischen Diskurs als koloniales Erbe wahrgenommen und instrumentalisiert wird, gelten 500.000 Unterschriften aus aller Welt demnach vielen als Beweis für die Einmischung des Westens. Andererseits waren diese Unterschriften für die AktivistInnen in Uganda von großem Wert. Nicht zuletzt, weil sie vermitteln, dass sie nicht vergessen werden. Deshalb gab es keine eindeutige Antwort auf die Publikumsfrage nach dem möglichen Schaden einer Petition.
Vom praktischen Nutzen einer Spende an die Hirschfeld-Eddy-Stiftung, erzählte ein Gast aus Toronto: Arsham Parsi ist schwuler Aktivist im kanadischen Exil und weltweit aktiv für queere Flüchtlinge aus dem Iran. Dank der Gelder der deutschen Homo-Stiftung kann seine Organisation Iranian Railroad for Queer Refugees übergangsweise bis zu 20 Flüchtlinge mit 100 $ monatlich unterstützen. Weiter war zu erfahren, dass die Türkei – oft erster Fluchtort für verfolgte Schwule – als Zufluchtsland problematisch und das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen überfordert sei. Noch schwieriger als die Lage schwuler Männer sei in mancherlei Hinsicht die der iranischen Lesben. Sie befänden sich allzu häufig in Zwangsehen ohne Fluchtmöglichkeit, so Parsi. Vielen europäischen Staaten stellte er ein schlechtes Zeugnis aus bei ihrem Einsatz für verfolgte LGBT.
Kritik gab es auch vom grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck an Deutschland. Vom Auswärtigen Amt forderte er ein grundsätzliches Engagement mittels aller Botschaften, eine geregelte Aufnahme der Flüchtlinge und von der Community finanzielle Unterstützung in Anbetracht unserer vergleichsweise gut situierten Situation in Deutschland.
Wie sehr Aufklärung in vielen Ländern Not tut, erläuterte der Fachjournalist Sebastian Henning am Beispiel von Honduras. Dort gibt es zwar keine homophoben Gesetze. Aber im Zuge des Putsches im vergangenen Jahr seien insbesondere Transgender Opfer von Gewalt geworden, weil ihre „Andersartigkeit“ sichtbar sei. Innerhalb weniger Wochen seien drei LGBT-AktivistInnen ermordet worden, ohne dass die Täter verfolgt würden. Einen Arbeitsansatz böten deshalb Publikationen in der Landessprache wie sie die Hirschfeld-Eddy-Stiftung fördere. In Lateinamerika ist das mit Spanisch einfach. In Uganda gibt es hingegen 40 lokale Sprachen. (zw)
www.irqr.net (Iranian Railroad for Queer Refugees)
www.hirschfeld-eddy-stiftung.de
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