Berlin
Müssen Schulen jetzt Schwul-Sein unterrichten?
Die BIG-Partei plakatiert gegen ein „schwules Schulfach“, auch Medien wie die BZ und die FAZ haben den Unsinn verbreitet. Was steckt dahinter?
© BIG Partei
siegessaeule.de 31.8.2011 – Ein merkwürdiges „Schulfach“ hat es in den Berliner Wahlkampf geschafft. Auf Plakaten fordert eine neue Partei namens BIG „Alle Kinder schützen!“ und verkündet „BIG Partei gegen Schulfach Schwul!“ Seither haben sich insbesondere linke Medien auf die neue Partei gestürzt und ihr Homophobie und Intoleranz vorgeworfen. siegessaeule.de wollte genau wissen, was hinter dem ominösen Schulfach und der BIG Partei wirklich steckt.
Am 20. Juni 2011 empörte sich das Berliner Boulevardblatt BZ über ein neues „Schulfach Schwul“ als hätte der Senat über Nacht ein neues Schulgesetz verabschiedet. Selbst seriöse Medien wie die Frankfurter Allgemeine auf den Wagen auf und verbreiteten, dass in Berlin Kinder ab der fünften Klasse pantomimisch fortan Begriffe wie „Sado-Maso“, „Orgasmus“ und „Darkroom“ erklären sollten.
Es geht um gesellschaftliche Vielfalt
„Das ist natürlich Unsinn,“ so Ammo Recla vom Verein „Queerformat“,einer Verbindung der zwei Berliner Vereine „KomBi“ und „ABqueer“, die über „lesbische, schwule, bisexuelle und transgender Lebenweisen“ aufklären und beraten. Sein Verein hat im Auftrag des Berliner Senats die umstrittenen Unterrichtsmaterialien zur sexuellen Vielfalt entwickelt. „Diese Handreichungen gibt es bereits seit 2006. Sie sind erst ab der 7. Klasse im Einsatz. Bei den benannten Begriffen handelt es sich um Beispiele, um den Lehrern eine Idee zu geben, welche Begriffe Jugendliche heutzutage häufig benutzen, ohne eigentlich genau zu wissen, worüber sie reden.“
Zusätzlich hat „Queerformat“ einen Koffer für die Grundschule entwickelt, der in erster Linie gesellschaftliche Vielfalt bewusst machen soll. Entgegen der Befürchtungen mancher Eltern sind darin weder Dildos noch anderes Sexspielzeug zu finden. „Der Koffer besteht aus 25 Bilderbüchern und einem Spiel,“ erzählt Recla im Gespräch mit siegessaeule.de. Zum Thema Vielfalt, so der Pädagoge weiter, gehöre natürlich auch kulturelle und religiöse Vielfalt. Das „Familienspiel“, eine Art Memory, zeige vierzig Familien, denen jeweils ein Kind zugeordnet wird. „Unter den vierzig abgebildeten Familien ist eine einzige Regenbogenfamilie zu sehen,“ erklärt Ammo Recla weiter.
Sonya Winterberg
Wie integrationsbereit ist die BIG Partei?
Von einem „Schulfach Schwul“ kann also keine Rede sein. Wie kommt es dann auf die Wahlplakete von BIG? Die vollmundige Abkürzung steht für „Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit“. Ursprünglich von Muslimen in Nordrhein-Westfalen gegründet, mischt die Migrantenpartei den ansonsten eher behäbigen Berliner Wahlkampf auf – scheinbar mit Erfolg. Denn was ihr an Erfahrung fehlt, macht sie durch Beziehungsaufbau und Engagement wett. Seit Monaten stellen sich ihre Kandidaten bei jeder Gelegenheit vor, ob in Kirchengemeinden, Moscheevereinen oder auf Marktplätzen. Ihre Botschaft: Nur wer zur Wahl geht, hat eine Chance auf Mitbestimmung. Schon jetzt ist klar, dass ihnen gelingen wird, was die etablierten Parteien seit Jahren versäumt haben. Nämlich Menschen zur Wahl zu motivieren, die vielleicht noch nie im Leben von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben.
Trotzdem stellt sich die Frage, wie weit Toleranz und Integrationsbereitschaft der BIG Partei geht. Eine Kandiatin der BIG Partei, die hinter der Plakataktion gegen das „Schulfach Schwul“ steht, ist Heike Canbulat. Die Mutter von vier Kindern fühlt sich falsch verstanden: „Es geht nicht darum, Homosexualität zu verunglimpfen, sondern Kinder nicht zu früh mit Minderheitensexualität zu konfrontieren.“schrieb sie in einem Leserbrief an die taz. Sonstige Forderungen der Partei sind die Stärkung von Chancengerechtigkeit insbesondere im Bildungsbereich, darunter eine verbesserte sprachlichen Förderung von Kindern. In der Integrationspolitik spricht sie sich für die „Beibehaltung der kulturellen Identität“ von Migranten aus. Im Unterschied zu anderen Parteien fordert die BIG Partei alternative Ansätze für das zinsbelastete Wirtschaftssystem. Nicht weiter verwunderlich, da es im Islam verboten ist, Zinsen zu nehmen.
Mareike Fenske*, Sozialpädagogin in Neukölln, ärgert die Plakataktion und ihre Folgen. „Wenn Eltern zu mir in die Sprechstunde kommen, fragen sie mich oft als erstes, ob sie dieses Fach für ihre Kinder abwählen können, weil es gegen ihren Glauben verstößt.“ Geduldig erklärt sie dann, dass es dieses Fach gar nicht gibt. „Viele Familien mit Migrationshintergrund haben davon gehört, wissen aber nicht, was sich dahinter verbirgt,“ so Fenske. Andererseits hat sie großen Respekt vor dem Engagement der Kandidaten der BIG Partei. Einige von ihnen kennt sie aus ihrer Arbeit persönlich und meint, dass Entgleisungen wie das Anti-Homo-Plakat teilweise auf Naivität und politischer Unerfahrenheit beruhen. „Wir dürfen nicht vergessen, dass es deutsche Medien waren, die die Aufregung um das vermeintliche Schulfach Schwul initiiert und geschürt haben!“
Barbara John, ehemalige Berliner Ausländerbeauftragte, glaubt nicht, dass die Toleranz unter den Muslimen geringer sei als bei anderen Bevölkerungsgruppen. Deshalb ist sie Mitglied im Beirat von INSSAN, einem Verein für kulturelle Interaktion, aus dessen Umfeld eine Reihe der BIG Kandidaten kommen: „Dieser Gruppe geht es darum, die Bindungen von Muslimen zu einem heimatorientierten Islam zu überwinden. Sie verstehen den Islam als eine Religion, die sich in Deutschland verwurzeln soll und sich selbstverständlich mit demokratischen Spielregeln vereinbaren lässt.“
(Sonya Winterberg)
* Name geändert
Hier das Plakat in seiner ganzen argumentativen Tiefe:
Kommentare
Gut, dass Ihr das Thema BIG-Partei aufgreift. Allerdings lasst Ihr die Verantwortlichen ein bisschen zu schnell davonkommen. Es gab zahlreiche Versuche (per E-Mail, über facebook etc.), in die Diskussion mit der BIG zu kommen ... ohne jeden Erfolg. Selbst sachliche Kommentare auf facebook wurden gelöscht, BIG beharrt bis heute darauf, dass ihre Darstellungen auf dem Flugblatt richtig seien. Keine Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Begebenheiten, keine Bereitschaft zur Korrektur oder Rücknahme des Flyers. Und spätesten hier hört für mich jedes "Verständnis" auf - und Erklärungsversuche mit "politischer Unerfahrenheit" sind keine Ausrede für eine Partei, die in die BVVs und das Abgeordnetenhaus einziehen will. Für mich zeigt die Starrsinnigkeit der BIG, dass eben doch homphobe Ansätze zu diesem Flugblatt geführt haben. Und die sind eben völlig inakzeptabel.
von: Hans G. Kegel, 31.08.2011 07:39 Uhr
Gut, dass Ihr das Thema BIG-Partei aufgreift. Allerdings lasst Ihr die Verantwortlichen ein bisschen zu schnell davonkommen. Es gab zahlreiche Versuche (per E-Mail, über facebook etc.), in die Diskussion mit der BIG zu kommen ... ohne jeden Erfolg. Selbst sachliche Kommentare auf facebook wurden gelöscht, BIG beharrt bis heute darauf, dass ihre Darstellungen auf dem Flugblatt richtig seien. Keine Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Begebenheiten, keine Bereitschaft zur Korrektur oder Rücknahme des Flyers. Und spätesten hier hört für mich jedes "Verständnis" auf - und Erklärungsversuche mit "politischer Unerfahrenheit" sind keine Ausrede für eine Partei, die in die BVVs und das Abgeordnetenhaus einziehen will. Für mich zeigt die Starrsinnigkeit der BIG, dass eben doch homphobe Ansätze zu diesem Flugblatt geführt haben. Und die sind eben völlig inakzeptabel.
von: Hans G. Kegel, 31.08.2011 07:39 Uhr
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Das ist der gleiche Mist, wie bei den Rechten, die mit durchgestrichenen Moscheen daherkommen. Da ich meinen Wohnort (noch) in einem migratenreichen Ghetto habe, könnte ich pausenlos über massive Bedrohungen und Angriffe aus homophoben Gründen berichten, nein, Toleranz ist hier ein Fremdwort! Warum musste sich das HIV-Cafe aus der Alvenslebenstr. zurückziehen? Menschen wie Barabar John sind einfach nur naive Gutmenschen, gerne würde ich ihr meine Narben nach sinnloser Schlägerei zeigen. BIG nutzt die Demokratie und Toleranz um Freiheit zu versprechen, was aber letztlich eine Dikatur sein wird. Ich bin keineswegs rechts, werde nach solchen Worten meistens als rechts empfunden, ich will doch nur leben und leben lassen, unabhängig von Kultur, Hautfarbe, sex. Ausrichtung und Geschlecht, etc. ABER DAS GEHT WOHL NICHT, DER MENSCH IST ZU VERBOHRT. Vielleicht ich auch...
von: Peter Lindin, 04.09.2011 19:18 Uhr