Siegessäule - „Neukölln ist nicht so schlimm, wie es dargestellt wird“

Berlin

„Neukölln ist nicht so schlimm, wie es dargestellt wird“


Die Kieztherapeutinnen, die für die aktuelle Siegessäule Menschen rund um die Karl-Marx-Strasse befragten, hier im Interview

Edeltraut P. und Tara O’Hara
Neukölln-Flair beim Kiezrundgang ...

SIS im Dezember 2010 – Tara O’Hara und Edeltraut P. bieten seit drei Jahren in Neukölln ihre „Kieztherapie" an. Was das ist, verraten sie im Interview: 

SIS: Ihr bietet in Neukölln eine Kieztherapie an. Was ist das?
Tara:
Die Kieztherapie soll Leute, die immer aneinander vorbei leben, in Kontakt bringen. Wir machen einmal im Monat eine Kieztherapie. Das ist dann eine geschlossene Gesellschaft mit etwa zwölf Leuten. Es gibt Prosecco, eine Vorstellungsrunde, Spiele oder ein Quiz. Im Oktober haben wir uns auf Weihnachten vorbereitet, damit es dann im Dezember in echt nicht mehr ganz so schlimm wird wie sonst immer. Die Weihnachtssitzung war eine der intensivsten Sitzungen, die wir hatten. Mit dabei war zum Beispiel eine Frau aus der Türkei, die über Weihnachten dort erzählt hat. Bei anderen Veranstaltungen ist es oft so, dass die Leute nach dem Ende direkt weggehen, aber bei uns bleiben sie oft und trinken noch etwas zusammen. Das ist genau, was wir wollen.

Edeltraut: Wir wollen nicht nur eine Show machen, sondern haben auch inhaltliche Anliegen. Wir wollen die üblichen Rollen aufbrechen, bei uns darf eine Dame auch Bart und Brusthaar haben. Wir sind also mehr als eine Karnevalsveranstaltung, und nicht nur Travestie, zu der die Leute kommen und sich berieseln lassen. Das Ziel ist, den Horizont zu erweitern.

Seit wann wohnt ihr in Neukölln? 
Edeltraut:
Ich wohne seit 13 Jahren in Neukölln.

Tara: 2002 bin ich nach Berlin gezogen und direkt nach Neukölln. Danach habe ich in anderen Stadtteilen gewohnt und seit 2008 lebe ich wieder in Neukölln.

Warum macht ihr das?
Edeltraut:
Ich hatte einfach keinen Bock mehr auf das übliche Programm, und dann haben wir uns zusammengesetzt und die Kieztherapie entwickelt, die den Bezirk spiegeln soll. Der Auslöser war eine Fernsehsendung über Neukölln, in der von Arbeitslosen, Alkoholikern und Asozialen gesprochen wurde. Ich mag ja Alliterationen, aber dieses Bild von Neukölln nervt total.

Tara: Wir waren damals schon befreundet und ich hatte vorgeschlagen: Lass uns was zusammen machen. Das erste Mal fand die Kieztherapie im Silver Future mit 100 Leuten statt. Wir haben dann beschlossen, weiter zu machen, und sind mit dem Therapiekoffer in verschiedene Kneipen gezogen, bis wir in der Farmacia dell’Arte regelmäßig aufgetreten sind. Mittlerweile treten wir immer im (b)spielt auf.

Was haltet ihr vom negativen Bild Neuköllns in der Öffentlichkeit?

Tara: Wir haben eigentlich ein recht positives Bild. Das es manchmal Probleme gibt mit Integration und Zwangsheiraten, kann man nicht wegdiskutieren. Aber Neukölln ist nicht so schlimm, wie es dargestellt wird, das haben wir ja auch beim Kiezrundgang (in der aktuellen Siegessaeule, die Red.) gesehen.

Edeltraut: Für mich kommen Berichte oft so rüber: Es geht um Migranten, und Leute, die sich verweigern. Das gibt es zwar auch, aber Neukölln wird immer nur darauf bezogen. Über positives wie Migrantinnen, die sich engagieren und andere positive Beispiele wird nicht geredet. Diese Leute werden nie in den Vordergrund gestellt. Es gibt hier aber wesentlich mehr Schönes als Schlechtes.

Was gefällt euch gut an Neukölln?

Edeltraut: Ich denke, die Lebensqualität hier ist hoch. Es gibt einen Querschnitt von sehr vielen unterschiedlichen Menschen, der Kiez ist international. Deshalb stimmt es auch nicht, wenn Merkel sagt, Multi-Kulti sei gescheitert. Wir essen ja auch nicht nur Currywurst.

Tara: Mir gefällt, dass Neukölln relativ bunt ist, nah am Leben. Der Kollwitz-Platz zum Beispiel ist eine sehr einheitliche Welt von Leuten mit viel Geld, wie ein Ghetto. Das ist nicht meine Welt. Ich finde Neukölln angenehmer, ich bin hier glücklicher.

Nächste Kieztherapie: im Januar 2011 im (b)spielt in der Berthelsdorfer Str. 8., Eintritt frei, Spenden gern gesehen, kieztherapeutinnen.de.vu

Die Karl-Marx-Straße in Neukölln: Was sagt die Polizei?

Rund um die Karl-Marx-Straße: die Reportage aus dem Dezemberheft

Kiez der Gegensätze: Analyse aus dem Dezemberheft