Siegessäule - „Schulfach Schwul”: Sexualisierung der Kindheit?

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„Schulfach Schwul”: Sexualisierung der Kindheit?


Der „Aufklärungskoffer” sorgt für Aufregung, eine Morddrohung wird ausgesprochen. Was ist dran am Koffer – und darin?

© Tobias Sauer Dieser Koffer ist die „größte Umerziehung seit dem Zweiten Weltkrieg“ – so seltsam vergleichen die Piusbrüder

siegessaeule.de 8.10.2011 – Lernen Berliner Grundschüler und Grundschülerinnen ab sofort die Bedeutung von Begriffen wie „Darkroom“ oder „SM“? Diesen Eindruck konnte gewinnen, wer in den letzten Wochen die Berichterstattung in den Medien über einen neuen Bücherkoffer mit dem sperrigen Namen „Familien, Lebensweisen und sexuelle Vielfalt“ verfolgte. Den Anfang machte im Juni die Boulevardzeitung B.Z. mit der griffigen Überschrift „Schulfach Schwul“ – die es prompt auch in den Berliner Wahlkampf schaffte (Siegessäule Online berichtete). Die FAZ kritisierte das „stramm fortschrittliche Gesellschaftsbild“, das mit dem Koffer transportiert werde. Cicero Online befürchtete, Kinder würden „zu früh mit Erwachsenensexualität“ konfrontiert und Spiegel TV stellte in einem polemischen Beitrag den Medienkoffer als ein insgesamt lächerliches Unterfangen dar. Das Problem: Alle diese Berichte vermischten mehr oder weniger stark den für die Grundschule konzipierten Medienkoffer mit anderen Materialien, die für ältere Schüler und den Sexualkundeunterricht erstellt wurden.

Für die Piusbrüder „die größte Umerziehung seit dem Zweiten Weltkrieg“

Rechtskatholische Kreise wie die Piusbruderschaft gehen online auf die Barrikaden: Der „Sexkoffer im Kindergarten“ sei „die größte Umerziehung seit dem Zweiten Weltkrieg“ – nun seien „alle Katholiken“ aufgerufen, sich „gegen die sexuelle Zerstörung unserer Kinder“ zu stellen.

Diese Empörungsstürme haben Folgen – auch für Conny Kempe-Schälicke, die das Kofferprojekt im Rahmen der Berliner Senatsinitiative „Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt” betreut: Neben rund 50 Protestmails erhielt sie auch eine Morddrohung. Darin enthalten waren neben sexuellen Beleidigungen wie „Nutte“ und „Fotze“ auch klare Drohungen: „Oslo kann auch in Berlin passieren!!“ und „am liebsten würde ich dich mit meinen eigenen Händen erdrosseln!!“. Kempe-Schälicke hat Anzeige erstattet, der angegebene Absendername ist jedoch offenbar ausgedacht.

Es gibt dicke Menschen und dünne. Auch welche mit Behinderungen. Schwule und Lesben werden auch erwähnt

Tatsächlich hat der Koffer allerdings wenig mit dem angeblichen „Sexualkundekoffer“ (Spiegel TV) gemein. Er enthält stattdessen ein Spiel, dass auf Spielkarten verschiedene Familienkonstellationen zeigt – unter anderem Kleinfamilien, Großfamilien, binationale Elternpaare, Kinder, die bei ihren Großeltern aufwachsen– und 25 Bilderbücher. Deren Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie das Thema Vielfalt aufgreifen. „Sexualität ist gar kein Schwerpunkt“, erklärt Ammo Recla gegenüber siegessaeule.de vom Verein Queerformat, der den Koffer zusammengestellt hat. „Es geht stattdessen um Vielfalt, ansetzend an der Familiensituation der Kinder an den Grundschulen. Die Bücher stellen die Frage: Was heißt eigentlich ‚anders‘? Das treibt Kinder immer wieder um.“

Die Bücher stellen Rollenklischees in Frage – dürfen Jungs Angst haben und Mädchen nur rosa tragen? Gezeigt wird, dass es dicke und dünne Menschen gibt und manche Kinder Behinderungen haben. Auch Lesben und Schwule werden erwähnt. In einem Buch wird für einen Prinzen eine Prinzessin gesucht. Doch der Prinz verliebt sich am Ende in einen anderen Prinzen. Es wird gefeiert und künftig regieren König und König. In einem anderen Buch werden alle möglichen Familienkonstellationen erklärt, darunter auch Regenbogenfamilien: Die Kinder Carla und Moritz sitzen mit Tina und Sabine auf einer Parkbank. Eine ältere Frau fragt: „Na, welche ist die Mama?“ Die Antwort: „Beide!“.

Teil 2: Skandalisierende Medienberichte verdecken das eigentliche Thema: Medienkompetenz bei Jugendlichen und die Arbeit mit Gefühlen

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Kommentare


Ich bin in den bewegten 70er Jahren ebenfalls bereits im Kindergarten aufgeklärt worden. Rückblickend wäre es mir lieber gewesen, wenn man mir noch ein, zwei Jahre unbeschwerter und unsexualisierter Kindheit gelassen hätte.

von: Ludowika, 17.10.2011 16:31 Uhr

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