Siegessäule - Tipp: Herbert List im Schwulen Museum

Berlin

Tipp: Herbert List im Schwulen Museum


Verletzlichkeit und zärtliche Freundschaft gegen die Heldenästhetik der Nationalsozialisten – erstmals sind Lists Zeichnungen zu sehen

Auf dem Sofa, Griechenland 1940, kolorierte Tuschezeichnung

SIS im Juli 2009 – Energisch geschwungene Linien, ineinander übergehende Farben, Körperformen, die an Karikaturen erinnern – mal träumerisch, subtil und melancholisch, mal wütend und provokant. So vielseitig ist das Werk des als Fotograf bekannt gewordenen schwulen Zeichners Herbert List (1903-1975). Umso erstaunlicher ist es, dass seine Bilder niemals zuvor ausgestellt wurden. Das Schwule Museum zeigt nun seit diesem Wochenende in der Ausstellung „Frauen und Jungs“ neben Fotografien auch 100 seiner Zeichnungen aus dem Zeitraum 1940 bis 1946. Eine Auswahl, die großteils aus der Privatsammlung des Münchner Leihgebers Roger Fritz stammt.

Bedingt durch das homophobe Klima in einem von den Nationalsozialisten beherrschten Deutschland befand sich List stets auf der Flucht und musste mehrfach seinen Wohnort wechseln: Deutschland, Frankreich und Norwegen waren seine Stationen. Seine Heimatstadt Hamburg verließ er 1936 und ging zunächst nach Paris. Die französische Hauptstadt war bis zur Besetzung der Deutschen der Dreh- und Angelpunkt des schwulen Lebensgefühls und Selbstverständnisses. Bis zum Kriegsbeginn war List hier als Kunstfotograf tätig. Aus den Eindrücken seines Parisaufenthaltes schöpft er, als es ihn 1940 nach Griechenland verschlägt. Die Klassische Moderne mit Künstlern wie Picasso und Matisse waren neben surrealistischen Strömungen seine Inspirationsquellen.

An Picasso denkt man auch unweigerlich, wenn man die üppigen Frauenkörper auf Bildern wie „A l’atende de Paris“ betrachtet. Mittels seiner Zeichnungen versucht Herbert List nicht, Wirklichkeit abzubilden; auch hat er nie mit Modellen gearbeitet. Auf die Leinwand bringt er vielmehr eine Abstraktion seiner persönlichen Wahrnehmung der Dinge. Die künstlerische Verarbeitung seiner Erinnerungen an Verfolgung, Vertreibung, Krieg, Zerstörung und Vernichtung könnte man auch als ästhetischen Widerstand gegen die Ideologie der Nazi-Diktatur begreifen.

Diesem Weltbild mit seinen Mythen von Heldentum setzt er die Verletzlichkeit des Körpers, die Intimität und Zärtlichkeit und die gleichgeschlechtliche Freundschaft unter Knaben und jungen Männern entgegen. Die intensive Beschäftigung mit diesem Motiv ließ List an die Veröffentlichung eines Bildbandes denken. Ein Bildband mit Illustrationen, wie ihn die Graphikerin und Bildhauerin Renée Sintenis 1924 herausgebracht hatte. Dargestellt werden dort, wie bei List auch, platonische Freundschaften zwischen Knaben. Das homoerotische Motiv ist zwar stets vorhanden, aber nur auf einer Meta-Ebene. Sichtbare körperliche Erotik findet sich bei List nur bei seinen Frauenfiguren, zum Beipsiel in Bordellszenen. Frauen übernehmen dabei meist den aktiven Part. Zu Lebzeiten wurde der Bildband leider nicht veröffentlicht. Erst 1988 schaffte es sein Freund Max Scheler, ihn unter dem Titel „Söhne des Lichts“ drucken zu lassen.

Neben den Freundschaftsbildern sind Zeichnungen von trauernden Frauen sowie eine von Männern abgeschottete, harmonische weibliche Parallelwelt zwei weitere Variationen seiner Antikriegsbilder. Lists Zeichnungen sind jedoch nicht die einzigen herausragenden Ausstellungsstücke. Erstmals sind auch Fotografien von Frauen aus seiner Hamburger Zeit zu sehen. Im Gegensatz zu den weiblichen Figuren auf seinen Zeichnungen spiegelt deren Aufmachung die Mode der Dreißigerjahre wieder. Der selbstvergessene Gesichtsausdruck der „Dame mit Karaffe“ von 1935 hat etwas von der unnahbaren Sinnlichkeit einer Marlene Dietrich.
Arwen Haase
11. Juli bis 12. Oktober, Ausstellung „Frauen und Jungs“, Schwules Museum