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1945 und die fehlende Stunde Null danach
Der Historiker Günter Grau im Interview über sein „Lexikon zur Homosexuellenverfolgung 1933-1945“ und das Erinnern
Der Berliner Medizinhistoriker Günter Grau gilt als einer der führenden Experten zur Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus
6.3.2011 – SIS: Günter Grau, Sie sind Experte für die Geschichte der Homosexuellenverfolgung während der NS-Zeit. Warum hat Sie das besonders interessiert?
Günter Grau: Es gab einen speziellen Anlass. Gemeinsam mit Freunden wollte ich 1984 in der Gedenkstätte Buchenwald Kränze niederlegen zum Gedenken an die dort inhaftierten und ermordeten Homosexuellen. Als wir dort auftauchten, forderten uns Vertreter der Gedenkstättenleitung auf, die Schleife von den Gebinden zu entfernen. Eine Ehrung dieser Opfer sei nicht erwünscht, so die Begründung. Diese Diskriminierung hat mich empört.
Wie erklären Sie sich diese Reaktion in Buchenwald?
Sie war Ausdruck eines bereits in der NS-Zeit von der Linke vertretenen Vorurteils. Ihrer Propaganda nach galt die Mehrheit der Homosexuellen als Nazis. Was so pauschal nicht stimmte. Homosexualität hat nichts mit Weltanschauung zu tun. Die Leitung der Gedenkstätte war offensichtlich der Meinung, wir hätten homosexuelle Nazis ehren wollen. Hinzu kam, was aber erst nach der Wiedervereinigung bekannt wurde, der Widerstand von Vereinen der einst von der NS aus politischen Gründen verfolgten KZ-Häftlinge. Sie wollten solche Ehrungen nicht, die sie mit Kriminellen, eben den nach Paragraf 175 verurteilten Homosexuellen, auf eine Stufe stellen würden.
Warum wurden schwule Männer während der NS-Zeit scheinbar stärker verfolgt als lesbische Frauen?
Das hatte zunächst einen simplen Grund: Nach dem Paragraf 175 wurden nur Männer verfolgt. Allerdings wäre es fatal, daraus zu schließen, lesbische Frauen wären nicht behelligt worden. Auch sie haben unter dem Terror-Regime gelitten. Nur eben anders als homosexuelle Männer. Mit den Schwulen teilten sie Zerstörung von Einrichtungen ihrer Subkultur. Auch sie flüchteten in eine so genannte Kameradschaftsehe, lösten Partnerschaften, bauten das Gespinst einer Lebenslüge um ihre Existenz, litten an psychischen Belastungen und der Angst vor Denunziationen.
Welche Konsequenzen hatte es, dass der während der NS-Zeit verschärfte Paragraf 175 auch in der Bundesrepublik noch gültig blieb?
Zwischen 1950 und 1968 wurden in der Bundesrepublik nach eben jenem Paragrafen mehr als 50.000 Männer verurteilt. Offiziell gelten sie bis heute als zu Recht verurteilt. Und bis heute trauen sich die Verurteilten nicht an die Öffentlichkeit. Wir haben keinen Zeitzeugenbericht. Es gibt auch keine Protestbewegung gegen diese offensichtliche Unrechtsbehandlung. Es sind dies Folgen einer zweiten Traumatisierung. Seit Jahrzehnten versteckt sich die Bundesregierung hinter formalen juristischen Argumenten, um nicht anzuerkennen, dass diese Urteile menschenrechtswidrig sind und unverzüglich aufgehoben gehören.
Warum ist die Auseinandersetzung mit den Verfolgungen weiter wichtig?
Dieser Teil der Geschichte war furchtbar, gerade deshalb aber sind wir verpflichtet, die Nachkommen daran zu erinnern. Und Erinnern erfordert Wissen.
Interview: Tobias Sauer
Günter Grau: „Lexikon zur Homosexuellenverfolgung 1933-1945. Institutionen. Personen. Betätigungsfelder“, LIT-Verlag 2011, 394 Seiten, 119,90 Euro
Kommentare
Meine Güte (an "handvoll Erdbeeren" gerichtet). Herr Grau hat diese Frage sehr behutsam beantwortet (...Auch sie haben unter dem Terror-Regime gelitten. Nur eben anders als homosexuelle Männer...). Er führt einleitend den banalen Grund an: die staatliche Verfolgung aufgrund § 175, die nunmal, und da können engagierte/emanzipierte Frauen sich in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft noch so sehr empören, die nicht wegzudiskutieren ist. Es ist nunmal ein rechtshistorischer Umstand, dass es diese Verfolgung gab, von der nun die Frauen nicht im vergleichbaren Maße betroffen waren. Herr Grau hat das sehr zutreffend, sachlich und auf den Punkt gebracht, höflich ausgedrückt, beschrieben.
Manchmal sollte man bei manchen Themen, als wenig oder nicht Betroffener, einfach mal schweigen. Äpfel kann man nicht ständig mit Erdbeeren vergleichen, auch wenn beides Obst ist :-)
von: Frank, 08.03.2011 21:59 Uhr
"Warum wurden schwule Männer während der NS-Zeit scheinbar stärker verfolgt als lesbische Frauen?"
Scheinbar stärker verfolgt? Ich hoffe, Tobias Sauer verwendet dieses Wort nicht im Sinne von "angeblich" oder "vorgeblich", sondern in der Bedeutung von "offensichtlich".
Sonst wäre diese Frage entweder zynisch oder doof.
von: Eine Handvoll Erdbeeren, 06.03.2011 17:04 Uhr
Meine Güte (an "handvoll Erdbeeren" gerichtet). Herr Grau hat diese Frage sehr behutsam beantwortet (...Auch sie haben unter dem Terror-Regime gelitten. Nur eben anders als homosexuelle Männer...). Er führt einleitend den banalen Grund an: die staatliche Verfolgung aufgrund § 175, die nunmal, und da können engagierte/emanzipierte Frauen sich in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft noch so sehr empören, die nicht wegzudiskutieren ist. Es ist nunmal ein rechtshistorischer Umstand, dass es diese Verfolgung gab, von der nun die Frauen nicht im vergleichbaren Maße betroffen waren. Herr Grau hat das sehr zutreffend, sachlich und auf den Punkt gebracht, höflich ausgedrückt, beschrieben.
Manchmal sollte man bei manchen Themen, als wenig oder nicht Betroffener, einfach mal schweigen. Äpfel kann man nicht ständig mit Erdbeeren vergleichen, auch wenn beides Obst ist :-)
von: Frank, 08.03.2011 21:59 Uhr
"Warum wurden schwule Männer während der NS-Zeit scheinbar stärker verfolgt als lesbische Frauen?"
Scheinbar stärker verfolgt? Ich hoffe, Tobias Sauer verwendet dieses Wort nicht im Sinne von "angeblich" oder "vorgeblich", sondern in der Bedeutung von "offensichtlich".
Sonst wäre diese Frage entweder zynisch oder doof.
von: Eine Handvoll Erdbeeren, 06.03.2011 17:04 Uhr
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Meine Güte, Frank! Da ist dir beim Obst leider etwas durcheinander geraten. Nicht um die Antwort ging es in meinem Kommentar. Die Antwort von Günter Grau ist schwer in Ordnung. Ich fand nur die Fragestellung sonderbar zweideutig.
Im Übrigen glaube ich nicht, dass man als wenig oder nicht Betroffener schweigen sollte. Dann würde bei diesem Thema demnächst nämlich nur mehr geschwiegen werden.
von: Eine Handvoll Erdbeeren, 10.03.2011 06:58 Uhr