Siegessäule - „Atemschaukel" von Nobelpreisträgerin Herta Müller

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Buch

„Atemschaukel" von Nobelpreisträgerin Herta Müller


In ihrem Buch „Atemschaukel“ zeigt Nobelpreisträgerin Herta Müller viel Einfühlungsvermögen beim Thema Homosexualität im Arbeitslager

SIS im Januar 2010 – Wie übersteht man als junger Schwuler ein sowjetisches Arbeitslager? Nicht anders als andere auch. Die nackte Not macht alle gleich, reduziert den Menschen auf das Elementarste: „Weil wir hungerblind waren und heimwehkrank, ausgestiegen aus der Zeit und aus uns selbst und fertig mit der Welt. Also die Welt mit uns.“ 80.000 Deutschrumänen wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in sowjetische Arbeitslager deportiert, um zum Wiederaufbau der Sowjetunion beizutragen. Die hochartifizielle Erzählweise Herta Müllers überhöht die lebensbedrohlichen Entbehrungen mit poetischen Metaphern und bildreichen Wortneuschöpfungen: Der „Hungerengel“ oder die „Hautundknochenzeit“ machen das Elend greifbar. Grundlage von Müllers Recherche bildeten die persönlichen Erzählungen des Büchnerpreisträgers Oskar Pastior. Der Deutschrumäne hatte wie Müllers Mutter die ersten fünf Jahre nach dem Krieg im Lager verbracht. Nach seinem Tod 2006 musste Müller das gemeinsame Buchprojekt alleine zu Ende bringen: Die Nobelpreisträgerin erzählt aus der Ichperspektive – auch einfühlsam von schwulen Erlebnissen. Pas­tior selbst war mit seiner Homosexualität immer diskret umgegangen – in den Jahren im Lager musste er sie unterdrücken: Er fürchtete, von Mitdeportierten gelyncht zu werden. Pastior wurde zum innerlich unerreichbaren „Nichtrührer“.  Auch danach musste er das Private verstecken. „Das Klavier“ war einer seiner Decknamen. Mit diesen schützt man sich bei den verstohlenen Treffen im Park: „Nur wir wussten, welcher Name zu wem gehört. Es war Wildwechsel im Park, ich ließ mich weiterreichen.“ Die Deportation empfand der 17-Jährige zunächst sogar als Abenteuer. Als Fluchtmöglichkeit vor der Enge der rumänischen Heimatstadt: „Ich wollte weg aus der Familie und sei es ins Lager.“ Eine Hautundknochenzeit kannte er da noch nicht.  Torsten Träger

Herta Müller, „Atemschaukel“, Hanser Verlag, 304 Seiten, 19,90 Euro




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