Buch
„Aus Angst“: Maria Plasbergs zweiter Fall
Jan Stressenreuter präsentiert seinen neuen Krimi, der vielfältigste Themen rund um Missbrauch, schwule Szene und türkisches Leben in Deutschland verknüpft
SIS 31.3.2010 – Nach seinem kriminalistischen Genre-Debüt hat Jan Stressenreuter nicht lange auf sich warten lassen und stellt nun seinen zweiten Krimi vor: „Aus Angst“. Ähnlicher Titel, gleiches Personal: Wie zuvor in „Aus Rache“ setzt Kommissarin Maria Plasberg hier ihre Ermittlungen fort. Die allein erziehende Mutter zeichnet sich ja durch ihren überaus spröden Charme aus und ist mit ihrem Topjob, der fünfjährigen Tochter und dem bald Vater werdenden Teenagersohn samt Freundin bald mehr als ausgelastet. Exzentrisch ist an ihr nur das phantasievolle und farbenfrohe Outfit einschließlich der abenteuerlichen Handtaschen.
Unterstützt wird sie vom Sympathieträger in diesem kontrastreichen Ermittlerteam, dem schwulen Kommissar Torsten Brinkhoff. Er lässt sich leicht verunsichern und stottert ganz schlimm, aber ansonsten hat er das Herz auf dem rechten Fleck und Pech in der Liebe. Ab einem gewissen Zeitpunkt leidet Brinkhoff auch hier wieder an seinem sexuellen Notstand, aber da kann ihm vorerst auch GayRomeo nicht helfen. Doch dann passiert ein fünffacher Mord just in dem Haus, in dem Brinkhoffs Ex-Lover wohnt – und ab jetzt gerät alles in heftige Bewegung ...
Stressenreuter gelingt auch hier wieder ein formidabler Köln-Krimi ohne Kölsch, Karneval und gängige Klischees, nichtsdestotrotz gibt es den einen oder anderen lokalen Wiedererkennungseffekt. Erstaunlicherweise bringt er auch eine große und abwechslungsreiche Palette von Migrantenthemen ins Spiel: überkommene türkische Traditionen, eine verlogene Macho-Moral inklusive angedachtem Ehrenmord, ein türkischer Escort bei GayRomeo, eine türkische Putzfrau respektive ultramoderne Kleinunternehmerin – und die Kölner Kripo wird durch eine Profilerin aus Hamburg unterstützt, bei der es sich um eine türkeistämmige Akademikerin mit Doktortitel und deutschem Ex-Ehemann handelt und die wie Maria Plasberg allein erziehend ist.
Ohne Parteinahme und Gefühlsduselei nimmt hier außerdem die Geschichte eines jungen Mannes langsam Konturen an, der als Kind von seiner Mutter sexuell missbraucht wurde und der jetzt Angst davor hat, in seinem sozialen Umfeld bloß gestellt zu werden.
Was „Aus Angst“ alles möglich ist, das beschreibt Jan Stressenreuter auf sehr eindrucksvolle Weise. Nur manchmal ist er vielleicht einen Hauch zu politisch korrekt.
Andrea Winter
„Aus Angst“, 431 Seiten, Querverlag
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