Siegessäule - Biographie über die Mendelssohns

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Biographie über die Mendelssohns


Thomas Blubacher über Eleonora und Francesco von Mendelssohn

Thomas Blubacher: „Gibt es etwas Schöneres als Sehnsucht? Die Geschwister Eleonora und Francesco von Mendelssohn“

SIS im Januar 2009: Eleonora und Francesco von Mendelssohn standen im Zentrum der goldenen 20er Jahre, aber bis Ihr Buch erschien, waren sie so gut wie vergessen. Wer waren die beiden?
Das waren die Kinder des Bankiers Robert von Mendelssohn. Sie wurden 1900 und 1901 als direkte Nachfahren des Philosophen Moses Mendelssohn geboren. Eleonora Duse war die Patentante, Max Planck und Albert Einstein waren Freunde des Elternhauses. In Berlin waren die beiden stadtbekannt: wegen ihres extravaganten Äußeren, ihres ausschweifenden Lebenswandels und ihrer Freundschaften und Affären mit den Großen dieser Zeit. So verzauberte Eleonora zum Beispiel Max Reinhardt und Arturo Toscanini. Francesco war eng befreundet mit den schwulen Künstlern Vladimir Horowitz und Gustav Gründgens. Auch in der Kunst feierten die beiden Erfolge: er als Cellist von internationalem Rang, später als Theaterregisseur, sie als Schauspielerin. Die Geschwister waren überall vorne dran, wenn es um Kultur ging. Und sie führten ein ausschweifendes und exzentrisches Leben.

Sie beschreiben Francesco als absoluten Paradiesvogel. Ein paar Kostproben, bitte.
Er raste im knallroten Lederanzug in seinem Cabriolet mit hermelinbezogenen Sitzen durch Berlin. Oder spazierte im gelben Seidenschlafrock über den Kurfürstendamm. Auf einem großen Berliner Ball tauchte er im monströsen Pelzmantel auf, ließ ihn fallen und hatte darunter nichts an. Natürlich ging Francesco auch gerne mal in Frauenkleidern aus, zusammen mit seiner „Verlobten“ Ruth Landshoff.  Die lesbische Journalistin begleitete ihn  dann sozusagen als verkleideter Franceso. Spektakulär war auch, dass sich bei seinen Partys in der Grunewald-Villa seiner Eltern die Berliner Society mischte mit den Jungs, die er beim Sechs-Tage-Rennen oder in irgendwelchen Kaschemmen aufgerissen hatte. In einer Ecke diskutierten Furtwängler und Hindemith, in der anderen nahmen die Strichjungen Morphium. Das war auch in den 20er Jahren eher ungewöhnlich. Drogen spielten damals eine wichtige Rolle.  Ja klar, man darf natürlich nicht vergessen, dass Morphium eine gewisse Modedroge war, die gerade in Künstlerkreisen weit verbreitet war. Da gibt es ja viele berühmte Beispiele von Menschen, die zur Spritze gegriffen haben. Es war schick, es war in, und die beiden waren sicher anfällig. Wenn der Titel des Buches heißt „Gibt es etwas Schöneres als Sehnsucht“, dann bedeutet das zum einen, dass sie sich immer nach etwas anderem gesehnt haben: nach anderen Menschen, anderen Berufen, anderen Orten. Also immer eigentlich nicht das, was sie hatten. Und in diesem Wort Sehnsucht steckt natürlich auch ein bisschen das Wort Sucht drin, ob das die Liebesaffären oder das Morphium bei Eleonora ist oder der Alkoholismus bei Francesco. Die waren einfach wirklich suchtkrank in jeglicher Form.

Mussten die beiden vor den Nationalsozialisten fliehen? Ihre jüdische Familie war doch schon länger konvertiert?
Die beiden waren laut Nürnberger Gesetz so genannte Mischlinge zweiten Grades, also Vierteljuden - und damit  eigentlich gar nicht unmittelbar von der Verfolgung bedroht. Aber Eleonora erklärte zum einen, man könne nicht Mendelssohn heißen und keine Jüdin sein. Zum anderen  war ihr schwuler Bruder mit seinem durchaus  promisken Verhalten und seiner sehr aggressiv ausgelebten Homosexualität gefährdet, wie es ja viele seiner Freunde und Kollegen auch waren in der Zeit.

Später in  den USA wurde Eleonora ja auch von der lesbischen Herzensbrecherin Mercedes de Acosta verehrt?
Ja, sie hat irgendwann einmal gesagt, Eleonora von Mendelssohn sei innerlich wie äußerlich ungewöhnlich schön. Leider hat sich auch Ruth Landshoff in New York sehr unglücklich in Elenora verliebt. Aber die stürzte sich ja bevorzugt in verzehrende Affären mit Männern, die entweder wesentlich älter, verheiratet oder schwul waren.

Gratulation: Ihr umfassendes Werk ist nicht nur ein Sittengemälde vom Anfang und Ende der Weimarer Republik, sondern es beschreibt die Theatergeschichte der Zeit überaus detailreich. Haben Sie denn noch Zeitzeugen getroffen?
Mittlerweile sind leider viele, mit denen ich seit 2000 gesprochen habe, tot. Ich glaub’, der Älteste, den ich befragen konnte, war der Schauspieler Tonio Selwart. Er war ein guter Freund von Klaus Mann und auch Emigrant drüben in Amerika. Als ich mit ihm sprach, war er 104 oder 105, jetzt ist er leider gestorben. Tonio Selwart erzählte mir, wie er als attraktiver junger Mann 1920 bei einem Fest in München von Thomas Mann zum Charleston aufgefordert worden war.  Aber leider sei ihm Thomas Mann beim Charleston immer auf die Füße getreten.                                                  

Interview: Andrea Winter

Thomas Blubacher: „Gibt es etwas Schöneres als Sehnsucht? Die Geschwister Eleonora und Francesco von Mendelssohn“,
Henschel, 448 Seiten, 29,90 Euro


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