Buch
„Blaue Augen bleiben blau" – Buschbaum ist trotzdem Klischee
Stabhochspringer im falschen Körper bleibt Heteronormativität treu
Balian Buschbaum
SIS 28.4.2010 – Balian Buschbaum hieß einmal Yvonne Buschbaum und war eine sehr erfolgreiche Stabhochspringerin. Mit 27 Jahren entschied sich die Sportsoldatin gegen Olympia und für eine Angleichung ihres Äußeren an sein Inneres. Die Medien reagierten erstaunlich milde, als sich die bis dato oft für eine Lesbe gehaltene Person zu ihrem Vorhaben bekannte. „Ich war nie eine Lesbe“, hebt Buschbaum hervor, wann im- mer es geht, „die Frauen, die sich in mich verliebten, waren immer heterosexuell.“
Solche Aussagen machen die Heterowelt glücklich und sind vor Balians Hintergrund sogar verständlich – immerhin kämpft er um die Aufnahme in den Männerclub und muss sich positionieren. In der „normalen“ (ein Wort, das Buschbaum gerne und meist ohne Anführungszeichen bemüht) Welt heißt transident immer noch transsexuell und transsexuell bedeutet homosexuell. Das ist Schwachsinn. Balian Buschbaum war vermutlich wirklich nie eine Lesbe, denn er war nie eine Frau. Und dennoch wird sein Buch in queeren Kreisen diskutiert werden, vielleicht weil es ein Solidaritätsgefühl in einer Szene auslöst, welcher der Autor betontermaßen nie angehört hat. Über lange Strecken liest sich „Blaue Augen bleiben blau“ wie eine Rechtfertigung. Buschbaum beschreibt auf knapp 250 Seiten seine Kindheit, Jugend, die Zeit vor und die nach den OPs. Er lässt keine Gelegenheit aus, darauf hinzuweisen, dass er Kleider noch nie mochte, nie mit Puppen spielte und Fußball, Sport und schnelle Autos liebt. Spätestens die Koketterie mit seiner Sammlung von Strafzetteln für überhöhte Geschwindigkeit machen auch den letzten Zweiflerinnen und Zweiflern klar: Das MUSS ein Mann sein. Gähn.
Balian Buschbaums Autobiografie ist eine Zementierung der Zweigeschlechtlichkeit und bemüht dabei jedes Vorurteil, das jemals über Männer und Frauen kreiert wurde. Auf seiner Homepage schreibt er Sätze wie: „Rot sehe ich auch ganz gerne in Form von einer Rose in den schönen Händen einer duftenden Frau. Übrigens bin ich der Meinung: Männer verschenken Blumen und Frauen bekommen sie.“ Setzen, Sechs, mein Schatz.
Und der darf schreiben, er kenne „beide Seiten“? Wenn er doch nie eine ... Ach, was soll’s. Schließlich ist Buschbaum ein „ganz normaler Mann“, hetero, weiß und von Haus aus gut situiert. Vielleicht ist es da zu viel verlangt, sich mit Dualismen und Hierarchien auseinanderzusetzen. Vielleicht war sein Weg schwer genug. Und zumindest für Frau-zu-Mann-Transidente mag ein schickes und gut gelungenes Aushängeschild durchaus Mut machen und von Nutzen sein. Und sei es, damit ein paar mehr Menschen begreifen: Transident ist nicht zwangsläufig homo oder queer und zudem, leider, kein Garant für den Ausbruch aus heteronormativer Engstirnigkeit.
Tania Witte
Balian Buschbaum, „Blaue Augen bleiben blau. Mein Leben“, Krüger Verlag, 252 Seiten, 17,95 Euro
zurück
Weitere Artikel dieser Rubrik
- „Slalom“: Ringen um Akzeptanz
- KZ in Deutschland, Glück in Frankreich – Rudolf Brazdas Leben
- Matthias Frings über seinem neuen Roman
- Tage im Dämmer, Nächte im Rausch: Buch von Werner Schroeter
- Queerness aus Mechanikersicht: „Als das Cello vom Himmel fiel“
- „Nein, wir bleiben blöd!“ – Peter Rehberg über Schwule ab 40
- Was kommt nach der Liebe?
- Ralf König und seine Knollennasen im Heimathafen Neukölln
- Erneuerte Safer Sex Broschüre für Lesben
- Berliner Stadtgeschichten: „beziehungsweise liebe“
- 1945 und die fehlende Stunde Null danach
- Roland Barthes: Denker und Gepeinigter
- Frida Kahlos Leben neu erzählt
- Das millionenschwere Testament des schwulen Schriftstellers
- Ballettmeister Neumeier im Porträt
- Was wir schon immer über Sex wissen wollten
- Schwuler Roman von Jack Kerouac und William S. Burroughs
- Donald Windhams „Zwei Menschen“ ist ein schwuler Klassiker
- „Tödliche Aussicht“: schwule Zickereien, Neid und Todesfälle
- „Irgendwo auf der Welt ...“ hebt vergangene Schätze
- Sara Stridsberg: „Nur der Himmel ist eine Begrenzung“
- „Mein schwules Auge 7“: schwules Füllhorn
- „Städte aus Frauen“: Moderne trifft Tradition
- „Herzbesetzer“: zu viele Plattitüden um den schwulen Plot
- „Frauengeschichten“: spannende historische Details
- Überzeugender Debütroman: „Der beste Teil der Menschen“
- Die Tagebücher von Fritz J. Raddatz: der Wahnsinn der BRD
- „Positiv“ zeigt die heutige Realität von Aids und HIV
- „Zwei Lieben" erzählt von schwulem KZ- und Nachkriegsleben
- „Landlust“: Die Großstadt ist die wahre Wildnis
- „Der andere Garten“: brillantes Meisterwerk
- „Schreiben über Film“: überfällige Hommage an Karsten Witte
- „111 Gründe, offen zu lieben“: Horizonterweiterung
- Triumph des Lebendigen: neue Lyrik von Mario Wirz
- „Heiße Schokolade“: schwules Coming-out in Marokko
- „Geschichte der Freundschaft“: schwuler Balanceakt
- „Piratenherz“: Erzählungen mit scharfer Kante
- Morde, Abgründe, toughe Frauen: lesbischer Krimiherbst
- „Parties“: Boheme vor dem Schwarzen Freitag
- „Die stille Gewalt der Träume“: eindrucksvolle Studie Südafrikas
- Hochklassige Literatur über eine versteckte Liebe
- Mehr Stoff von erlesener lesbischer Hand
- Südafrika, der bunte Kontinent – differenziert beschrieben
- „Zwei Lieben:“ Gegen das schwule Vergessen
- „Endstation Russland“: Fremd im eigenen Land
- „Lange Nächte Tag“: Was verträgt die Liebe?
- Seelengleiche: Patti Smith und Robert Mapplethorpe
- Debüt: Surmanns „Die Schwerelosigkeit der Flusspferde"
- Rebellisch: Isherwood's „Löwen und Schatten"
- Überaus spannend: „Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens“
- Eiskalt: Mit „Anleitung zum Mord“ gibt Christoph Wildt sein Debut
- „Das Tomatensaft-Mysterium“: Thomas Hermanns übers Fliegen
- „Aus Angst“: Maria Plasbergs zweiter Fall
- Miriam Meckel stellte ihr Buch „Brief an mein Leben“ vor
- Bunte Welten: Kinderbücher über Regenbogenfamilien
- „Brief an mein Leben ...", Autobiografisches nach dem Burnout
- Dandy in Aspik: Rupert Everetts Buch über „Rote Teppiche und andere Bananenschalen“
- Silvia Bovenschen: Spiel mit Stolpersteinen
- „Die Königsfälschung“: Skandalgeschichte aus dem homosexuellen französichen Königshaus
- „Der Angler des Zufalls": artistische Prosa von Christoph Geiser
- „Chinatown": lesbische Liebe im Hamburg der 20er
- Neue Textsammlung von Ronald M. Schernikau
- Wolfgang Joop: „Ich kann noch nicht mal einen Knopf annähen”
- Spieler unter sich: Teil zwei von Cornelia Jönssons SM-Trilogie
- „Lesbisches Engagement in Ostberlin 1978-1989"
- „Verzaubert in Nord-Ost“: Endlich erzählte Geschichte
- „Atemschaukel" von Nobelpreisträgerin Herta Müller
- Im Tal der Ahnungslosen: Die Vulva
- Das Fazit aus 13 Jahren Sexdienstleisung: „Fucking Germany“
- Der göttliche Dandy: „Dandy in der Unterwelt“
- Who is it? Zwei Werke über Michael Jackson
- Getrieben von den Trieben: Rosa von Praunheims "Rosas Rache"
- "Was geschah während wir schliefen" von Noémi Kiss
- Lustig, schräg, politisch: Pelham Grenville Wodehouse
- Lesbische Trivialerotik: „Alicia“ von Ulrike Voss
- Auf der Suche nach Mr. Straight
- Jagdfieber: „Frauen und andere Raubtiere“ von Pat Califia
- Neues von Judith Butler: „Die Macht der Geschlechternormen“
- Tipp: „Sie liebt sie“ von Felice Newman
- Neuauflage "Die Knaben" von Henry de Montherlant
- „Das Fischkind" ist ein roher und zugleich magischer Roman
- „Die Prophetenmorde“: Erfolgreich-verrückte Thriller-Serie
- Tierschützer Dan Mathews Biographie macht Spaß
- „Die Frau im Turm“ arbeitet Zeitgeschichte auf
- „Politik des Eros“: Homosexualität als superviriler Männerbund
- „Foucalt. Der Philosoph als Samurai“ erklärt Foucaults Ideen
- Michael Flotho und der Streisand
- „Fragen Sie mich nicht, wie einsam ich bin“
- Liebling der Gemeinde – Barbra Streisand
- „Der letzte Prinz" – Peter Hofmann im Interview
- Kirchenkrimi und Liebesgeschichte: „Confiteor“
- „Liebe vielleicht", federleichter Sommerroman
- Tipp: der „Nix“ bald in einer sehr schönen Hörbuchfassung!
- „Etwas Kleines gut versiegeln", Svealena Kutschke brilliert!
- "Der letzte Kommunist": Matthias Frings über Ronald M. Schernikau
- Carmen Bregy debütiert mit "Im Stillen umarmt"
- Tipp: „Die Eignung“ von Michael Sollorz
- "Ziffer und die Seinen", ein haarsträubender Roman
- „Keine Tochter aus gutem Hause“: Johanna Elberskirchen
- Queere Büchernacht zappte durchs Literaturuniversum
- Augusten Burroughs und David Sedaris
- Hans Pleschinski: „Ludwigshöhe“
- „Ich reiß mir eine Wimper aus, ...“
- Thomas Hermanns: "Für immer d.i.s.c.o."
- Umtriebe auf der Oranienstrasse: 11. Lange Buchnacht, 16.5.
- "Idealismus reicht heute nicht mehr!" – auch das schwullesbische Buchgeschäft wird härter
- „Meschugge - eine fast perfekte Familie“
- „Die Kerzenscheinphobie“
- „Nachtfieber“
- Biographie über die Mendelssohns
- Krimi: Der nasse Fisch
- Chronik der Schwulen
- Drag King Träume
- Buch „Kindsköpfe“
- Buch „Sex und die Gitti“






