Buch
Buch „Kindsköpfe“
Kriss Rudolph im Interview
© Bogislav Ziemer
SIS im Nov 2008.
Oliver und Niklas wünschen sich ein Kind. Über Annoncen suchen sie eine geeignete Mutter. Plötzlich stirbt Niklas‘ Schwester. Und die beiden haben prompt zwei Kinder an der Backe. Interview mit Kriss Rudolph über seinen neuen Roman „Kindsköpfe“.
SIS: Kriss, kannst du dir vorstellen, selbst einmal Vater zu werden?
Bis ich dieses Buch geschrieben habe, konnte ich mir das sogar sehr gut vorstellen. Ich weiß allerdings inzwischen, aufgrund von Erfahrungen, die ich vor allem neben dem Schreibens gemacht habe, dass ich wohl zu eigenbrötlerisch bin, um Vater zu sein – zumindest als Fulltime-Beschäftigung, wie ich mir das lange gewünscht habe. Zudem bräuchte ich eine(n) Katia Mann an meiner Seite, um mir den Rücken freizuhalten. Oder ich suche mir als nächstes einen Kerl, der schon Vater ist.
SIS: Warum haben Heten das Privileg auf einen Kinderwunsch?
Wünsche sind in diesem Land glücklicherweise noch nicht gesetzlich geregelt, aber ja: Heten haben das Privileg auf Durchsetzung ihres Wunsches nach Kindern. Und wie es gerne mal bei Privilegierten passiert: Man vergisst, in welch schöner Lage man ist. Auch das ist ein Grund dafür, dass Babys ab und zu in Blumenkästen und Kühltruhen enden. Ohne verallgemeinern zu wollen, aber: Wer nach solchen Geschichten immer noch behauptet, dass Heten per se die besseren Eltern abgeben, hat nicht mehr alle Latten am Zaun.
Bei der ganzen Debatte verweise ich gerne mal auf Spanien, wo Homos inzwischen ganz handelsüblich adoptieren dürfen. Obwohl die Katholische Kirche dort viel stärker verwurzelt ist als in Deutschland, hat die Regierung das Gesetz verabschiedet. Das kann hier also nicht als Entschuldigung herhalten. Die Wahrheit ist: Sie haben alle Schiss! Kanzler Schröder hatte Schiss, Wähler zu verlieren, und Mutti traut sich auch nicht.
SIS: Warum wünschen sich immer mehr Homos Kinder?
Es gab schon immer Homos, die Kinder haben wollten, und solche, die darauf keine Lust hatten. Daher weiß ich nicht, ob jetzt wirklich die Zahl derer steigt, die sich Kinder wünschen oder nur die Zahl jener, die sich trauen, das laut zu sagen. Es macht ja nicht immer Spaß, seine Wünsche und Sehnsüchte zu formulieren, wenn man weiß, man kriegt dann sowieso wieder eins auf die Fresse. Vielleicht fühlen sich viele Schwule heute von der Gesellschaft so ausreichend akzeptiert, dass sie sich trauen, ihren Kinderwunsch offen auszusprechen. Daneben gibt es sicher auch viele Homos, die das Recht aus Prinzip fordern, ohne es selber in Anspruch nehmen zu wollen. Wie auch immer, ich kenne genügend schwule Paare, die sich bereits ihren Kinderwunsch erfüllt haben, vorbei an Vater Staat (der Homos gegenüber ja eher als Stiefvater auftritt): Sei es per Adoption durch einen der beiden Partner, in Form einer Pflegschaft oder einer Vormundschaft nach einem Todesfall, ähnlich wie in meinem Roman „Kindsköpfe“. Da guckste, lieber Gesetzgeber?!
SIS: Sollte der Gesetzgeber, bevor er uns das Recht auf Kinder verwehrt, nicht erst einmal beweisen, dass Lesben und Schwule keine Mütterlichkeit bzw. Väterlichkeit entwickeln können?
Das macht der Gesetzgeber natürlich nicht, weil das nicht geht. Er rettet sich lieber mit formelhaftem Quark von wegen: Ehe ist, wenn ein Mann eine Frau penetriert, und dann darf da auch ein Kind bei rauskommen.
Mal ganz nebenbei: Wenn man Leuten das Kinderkriegen verbieten würde wegen nicht zu erwartender Mütterlichkeit, wie viele Kinder hätte Madonna dann wohl heute?
SIS: Oder müssen Homos erst noch weiter in die Mitte der Gesellschaft rücken, um als adäquate Elternteile akzeptiert zu werden?
Wo und was bitteschön ist die „Mitte der Gesellschaft“? Solange ich dumm angepöbelt werde, wenn ich meinen Freund auf der Straße knutsche oder wir Hand in Hand spazieren gehen (und zwar in Prenzelberg, nicht in Marzahn!), dann habe ich das Gefühl, dass ich an der Mitte der Gesellschaft mal wieder haarscharf vorbeigeschrammt bin.
SIS: Deine Romanfiguren Niklas und Oliver wünschen sich ein Kind. Plötzlich stirbt Niklas‘ Schwester und das Paar nimmt deren Kinder zu sich. Wie verändert diese neue Vaterschaft deren Leben?
Erstmal drohen sie zu scheitern, weil sie wie vermutlich alle Eltern mit allzu romantischen Erwartungen ans Kinderkriegen herangehen. Aber davon mal abgesehen: Wer will denn auch von Eltern lesen, die alles richtig machen? Ich schreibe ja keine Science-Fiction-Romane. Aber soviel sei verraten: Am Ende der Geschichte wird alles anders.
Kriss Rudolph, „Kindsköpfe. Schwules Elternglück & Heten- Rabenväter“, Fischer Verlag Taschenbuch, 304 Seiten, 8,95 Euro
1.12., Kriss Rudolph liest „Kindsköpfe",
BKA Berliner Kabarett Anstalt, Berlin, 20:30 Uhr
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