Siegessäule - Bunte Welten: Kinderbücher über Regenbogenfamilien

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Bunte Welten: Kinderbücher über Regenbogenfamilien


Sie bilden die Grundlage für Toleranz, Offenheit und sexuelle Bildung: Kinderbücher, die auf queeren Lebensentwürfen basieren

© Mardi-Verlag

SIS 3.3.2010 – In manchen Welten vergeht die Zeit langsamer als in anderen. Eine solche Welt ist die der Kinderbücher, wo Regenbogenfamilien trotz aller Toleranz und Offenheit nicht ausreichend thematisiert werden. Die Kinderbuchverlage scheuen offenbar immer noch davor zurück, in dieses Nischenthema jenseits der Heteronorm zu investieren. Die Bücher, die es allen Widrig- keiten zum Trotz auf den Markt geschafft haben, kann man fast an einer Hand abzählen. Sie beziehen sich fast ausschließlich auf schwule Protagonisten, zum Beispiel Ingrid Godons und André Sollies „Warten auf Seemann“, Edith Schreiber-Wickes „Zwei Papas für Tango“ oder „Papas Freund“ von Michael Willhoite. „König & König“ von Linda de Haan und Stern Nijland ist ein Märchen um ein schwules Prinzenpaar, das bei den lesenden Kindern auch die Frage aufwirft, wer denn hier nun wohl das Hochzeitskleid trägt. In Großbritannien schaffte das Buch es sogar auf den Lehrplan, allerdings nicht ohne Skandal.

Dirk Zehenders Buch „So lebe ich ... und wie lebst Du?“ zeigt zur Abwechslung auch mal lesbische Mütter.  In dem kindgerecht geschriebenen Werk berichten Sprösslinge aus der ganzen Welt von ihrem Leben – dass das immer auch kunterbunte Familienkonstellationen enthält, ist für die kleinen Ich-Erzähler und -Erzählerinnen selbst- verständlich. Die ansprechenden Aquarelle der Malerin Soe Sadr perfektionieren die Botschaften. Trotzdem konnte Dirk Zehender für sein ambitioniertes Projekt keinen Verlag finden – die Zielgruppe sei zu klein und das Projekt dementsprechend unwirtschaftlich, hieß es. Wie wichtig es aber ist, dass auch der Nachwuchs heterosexueller Eltern Bücher wie „So lebe ich ...“ liest und anschaut, wird offenbar nach wie vor unterschätzt. Dass es dieses Buch dank Eigeninitiative und Selbstverlag trotzdem gibt, ist eine Bereicherung für jedes Kinderbuchregal, denn „die Inhalte und Erzählweisen von Kinderbüchern stellen den Verständnishorizont für später verwendete Materialien zu Toleranz und sexueller Bildung dar“, betonen Cai Weicht und Caroline Wunderlich in ihrem Artikel „Babyfabrik statt Bauchkribbeln“.

Die beiden nahmen über 20 Aufklärungsbücher für Kinder unter die Lupe – auch im Hinblick auf (gender)queere Bezüge. Viele Fragen, die sich hierbei auftaten, lassen sich auch auf andere Kinderbücher anwenden: Warum glauben Erwachsene, bestimmte Themen von Kindern fernhalten zu müssen? Werden Tabuisierungen aus der Erwachsenenwelt auf die Kinder übertragen? „Kinderbücher entwerfen Modell- situationen und jedes Buch muss sich für eine Möglichkeit entscheiden“, wissen Weicht und Wunderlich. Aufklärungsbilderbücher, die Eltern und Kinder mit verschiedenen ethnischen Hintergründen, Adoptions-, Regenbogen- oder Patchworkfamilien erwähnen, kennen die beiden kaum.

Defizite gibt es natürlich auch bei den motivierten Kinderbüchern zu „Sparten­themen“. Häufig kommen sie als großer, erhobener Zeigefinger daher. Die Vor- oder Nachworte an Eltern und Erzieherinnen und Erzieher wecken leicht den Eindruck, die Funktionsweise der Welt „richtig“ erklären zu wollen. So enthält das Buch „Mädchen oder Junge“ von Kathrin Kadasch und Svenia Dritter alles: die männliche und weibliche Form, die Unsinnigkeit von Rosa und Blau, Bilder einer Butchdyke, eines Rollstuhlfahrers und eines langhaarigen bärtigen Wesens, das Hippievater, Schwuler, Transmann oder Frau mit Bart sein kann. Leider ist es sprachlich hölzern und wirkt eher wie eine Anleitung für Bezugspersonen. Und doch ist es so einzigartig auf dem Buchmarkt, dass es gekauft werden sollte.

Tania Witte


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