Buch
„Der Angler des Zufalls": artistische Prosa von Christoph Geiser
Die Jubiläumsausgabe zum 60. Geburtstag des Autors
SIS 14.1.2010 – Wem fällt für das, was man meist als queere oder schwule Literatur bezeichnet, ein Schriftsteller ein? Also ein Autor mit kompromisslosem künstlerischen Anspruch, der ein Lebenswerk lang die Suche nach literarischem Stil mit dem Nachdenken über homosexuelles Begehren, Sehnen und Leben verbindet? Davon kann es nur wenige geben. Einer von ihnen wurde kürzlich mit einem Band zum 60. Geburtstag geehrt: Christoph Geiser.
Die Jubiläumsgabe an den vielfach preisgekrönten Berner und Wahlberliner versammelt Schreibszenen aus vier Jahrzehnten seines Schaffens. Autobiografisch gefärbte Geschichten über das Geschichtenerzählen sind da zu lesen – oder vielmehr über das Nicht-Erzählen. Denn „die Erfindung von Geschichten, die so erfunden wären wie das Leben“, ist Geisers Sache nicht: Erst, wenn die allzu runde Geschichte scheitert, entsteht das „Artistische“, das „Sprachmaterial“. Die Geschichten wirken gleichsam nur noch im Hintergrund der Sprache weiter, was ihnen einen verhaltenen und melancholischen Charakter verleiht. Ihre Requisiten aber drängen sich mit aller Macht hervor: ein alter verklemmter Herrenschirm zum Beispiel beschwört im Schreiben die Erinnerung an eine Begegnung im Regen, als sich die profane Cruising Area in den Ort eines romantischen Rendezvous zu verwandeln schien – für die Dauer eines „Anfangs“ nur, wie schon der Titel lautet. Keine Melancholie, die nicht durch den jeder Schreibszene eigenen Humor wieder aufgehoben würde, kein Scheitern der Liebes- oder Lebensgeschichte, das nicht ein „Anfang" wäre für die Sprache. Wo die Autoren zum Ende kommen, setzt der Schriftsteller wieder einen Beginn. Hauptsache, das Schreiben bleibt nicht stecken in bloßen Motiven, Geschichten und Formeln. Denn – wie es in einer „Schreibszene" heißt – es fehlt uns an „Oasen im Dschungel, an Lichtungen in der Wüste, an Inseln im Festland, an Eisbergen im Packeis und an Seen im Meer“.
Boris Gibhardt
Christoph Geiser, „Der Angler des Zufalls. Schreibszenen“, hg. von Michael Schläfli, Männerschwarm, 208 Seiten, 20 Euro
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