Buch
Der göttliche Dandy: „Dandy in der Unterwelt“
Geistreiche Autobiograpie von Sebastian Horsley
© Nick Cunard
Als ich Mr. Horsley, Enfant terrible des englischen Untergrunds, traf, erkannte ich sofort den roten Faden, der sich durch all seine teils widersprüchlichen künstlerischen und weltlichen Karrieren und Exzesse zieht: ein wohl angeborenes Stilbewusstsein, das er zu einer wahren Königsdisziplin erhoben hat. Horsley macht keine Kunst, Horsley ist Kunst! Der groß gewachsene 47-Jährige, angetan mit Samtanzug, Fliege, roter Rubinbrosche, einem 20 cm hohen Zylinder und lackierten Nägeln, bezeichnet sich selbst als einen Meister des stilvollen Scheiterns, ist eine wandelnde Zitatmaschine und hat Bordellbesuche und das Dandytum zu einer Religion erhoben. Mit einer Punkband versuchte er sich in den 80ern, war Makler, malte, schrieb und erforschte stets seine körperlichen und psychischen Grenzen. So ließ er sich im Jahr 2000 auf den Phi-lippinen im Rahmen einer Kunstaktion an ein Kreuz nageln und erhielt daraufhin Landesverbot.
Beim Interview entschloss ich mich spontan, ihm nur die schlüpfrigsten meiner Fragen zu stellen. Die Frage, ob es in seinem Leben noch irgendetwas Sexuelles zu entdecken gilt, beantwortete er prompt mit Nekrophilie und Mord, um dann auszuholen, dass es doch eher um den Akt der Verführung als um Sex an sich gehe. Laut Horsley sind Dandys dem Calvinismus näher als dem plumpen Hedonismus, sie pendeln zwischen Narzissmus und Neurose, zwischen Eitelkeit und Wahnsinn. Was einen Dandy auszeichne, sei eine gleichzeitige Nähe zu Subkultur und High Society. Dandy zu sein erfordere weniger Geld als vielmehr eine Beständigkeit des Stils. In seiner ungemein geistreichen Autobiografie thematisiert er auch zwei seiner schwulen Beziehungen. Was ihn an schwulem Sex am meisten gelockt hatte, war die Lust, dominiert zu werden, der Vorteil von Bisexualität aber sei die Möglichkeit, von beiden Geschlechtern gleichermaßen abgelehnt zu werden.
Ich empfehle Horsleys Buch wärmstens, dies ist die Bibel des modernen Dandys und sicherlich inspirierend für den notorisch stillosen Berliner. Außerdem setzt es ein notwendiges Zeichen angesichts inflationärer bürgerlicher Tendenzen in der Szene. Nieder mit der Mittelmäßigkeit, es lebe die Provokation!
Reiner Narr
Sebastian Horsley, „Dandy in der Unterwelt“, Blumenbar Verlag, 425 Seiten, 19,90 Euro
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