Buch
„Die stille Gewalt der Träume“: eindrucksvolle Studie Südafrikas
K. Sello Duikers Roman glänzt trotz kitschiger Passagen
SIS 30.8.2010 – Schwul, schwarz, schwach: K. Sello Duikers Roman „Die stille Gewalt der Träume“ konfrontiert uns mit der Suche nach Sexualität, Identität und Maskulinität jenseits vom Südafrika des testosteronschwangeren Surferboy-Klischees feuchter Kapstadtträume. Vor allem aber ist er eine Leidensgeschichte über den Kampf des Erwachsenwerdens.
„In meiner Faszination für die Sonne bin ich zu nah an sie herangeflogen und brutal abgestürzt.“ Als moderner Ikarus beginnt Tshepo seine Coming-of-age-Reise mit einer Psychose in der Nervenklinik. Traumatisiert vom gewaltsamen Tod seiner Mutter und verloren in ziellosen Selbstreflexionen ist der Student schlicht überfordert vom Leben in Kapstadts multikulturellem Studentenviertel Observatory und seiner hybriden Kultur, die Gender- und Race-Barrieren nur oberflächlich schleift.
Langwieriger Weg aus dem Leid
Tshepo ist ein Antiheld, eine glücklose Drama-Queen, die ihre Rolle nicht im Griff hat. In der Sehnsucht nach der „Stille, die das Gleichgewicht zurückbringen kann, dem zärtlichen Glück, einfach am Leben zu sein“, rappelt sich der Gestürzte jedoch wieder auf und beginnt, sich seine Selbstliebe Stück für Stück zu verdienen. Er wird geheilt, beendet sein Studium und zieht mit einem Exkriminellen zusammen, dem er verfällt. Nach erneutem gewaltigem Leiden beginnt er schließlich, als Callboy Angelo in einem Massagesalon zu arbeiten. Stück für Stück, Mann für Mann werden Tshepos Gedanken über seine schwarze Identität, seine Homosexualität und über afrikanische Männlichkeit klarer und selbstbewusster.
Seine Liebe zu Männern, der er eine spirituelle Komponente zuschreibt, vor allem aber seine Selbstreifung, die ihn seine inneren Schätze und Kräfte bewusst werden lässt, befähigen Tshepo schließlich zu einem leider arg kitschig geratenen Happy End: „Ich bin Horus, Sohn der Sonne.“ Erzählt wird Tshepos Beziehung zur Sonne aus abwechselnden Innen- und Außenperspektiven. Dadurch gelingt K. Sello Duiker eine intensive Charakterstudie. Die Sprache passt zu Tshepo und seinen Seelenzuständen, sie ist euphorisch und deprimiert, träumerisch und voller Kraft und Gewalt.
So wie Tshepo um sich selbst kreist, verliert sie sich allerdings bisweilen in schier endlosen Reflexionsschleifen, die leicht in banalkitschige Sprüchephilosophie abgleiten. Die große Stärke des Romans indes ist Duikers Kunst, Kapstadt und südafrikanische Post-Apartheid-Urbanität, Homosexualität und dysfunktionale Schwarz-Weiß-Beziehungen als Kulisse, Milieu und Thematik eindrucksvoll zu schildern, sie jedoch nicht über die individuelle Geschichte seines Helden zu stellen.
Damit ist K. Sello Duiker in seinem zweiten Roman, der im Original bereits 2001 erschien, ein großer Wurf gelungen. Die Kritik feierte ihn zusammen mit Phaswane Mpe („Welcome to our Hillbrow“) als kraftvollsten Hoffnungsträger der Post-Apartheid-Literatur.
Doch bevor er endgültig zum literarischen Horus aufsteigen konnte, kam leider der Absturz: Im Januar 2005 nahm sich K. Sello Duiker das Leben.
Dag Zimen
K. Sello Duiker, „Die Stille Gewalt der Träume, Wunderhorn Verlag, 527 Seiten, 26,80 Euro. Der Roman erhielt den Herman Charles Bosman-Preis.
zurück
Weitere Artikel dieser Rubrik
- „Slalom“: Ringen um Akzeptanz
- KZ in Deutschland, Glück in Frankreich – Rudolf Brazdas Leben
- Matthias Frings über seinem neuen Roman
- Tage im Dämmer, Nächte im Rausch: Buch von Werner Schroeter
- Queerness aus Mechanikersicht: „Als das Cello vom Himmel fiel“
- „Nein, wir bleiben blöd!“ – Peter Rehberg über Schwule ab 40
- Was kommt nach der Liebe?
- Ralf König und seine Knollennasen im Heimathafen Neukölln
- Erneuerte Safer Sex Broschüre für Lesben
- Berliner Stadtgeschichten: „beziehungsweise liebe“
- 1945 und die fehlende Stunde Null danach
- Roland Barthes: Denker und Gepeinigter
- Frida Kahlos Leben neu erzählt
- Das millionenschwere Testament des schwulen Schriftstellers
- Ballettmeister Neumeier im Porträt
- Was wir schon immer über Sex wissen wollten
- Schwuler Roman von Jack Kerouac und William S. Burroughs
- Donald Windhams „Zwei Menschen“ ist ein schwuler Klassiker
- „Tödliche Aussicht“: schwule Zickereien, Neid und Todesfälle
- „Irgendwo auf der Welt ...“ hebt vergangene Schätze
- Sara Stridsberg: „Nur der Himmel ist eine Begrenzung“
- „Mein schwules Auge 7“: schwules Füllhorn
- „Städte aus Frauen“: Moderne trifft Tradition
- „Herzbesetzer“: zu viele Plattitüden um den schwulen Plot
- „Frauengeschichten“: spannende historische Details
- Überzeugender Debütroman: „Der beste Teil der Menschen“
- Die Tagebücher von Fritz J. Raddatz: der Wahnsinn der BRD
- „Positiv“ zeigt die heutige Realität von Aids und HIV
- „Zwei Lieben" erzählt von schwulem KZ- und Nachkriegsleben
- „Landlust“: Die Großstadt ist die wahre Wildnis
- „Der andere Garten“: brillantes Meisterwerk
- „Schreiben über Film“: überfällige Hommage an Karsten Witte
- „111 Gründe, offen zu lieben“: Horizonterweiterung
- Triumph des Lebendigen: neue Lyrik von Mario Wirz
- „Heiße Schokolade“: schwules Coming-out in Marokko
- „Geschichte der Freundschaft“: schwuler Balanceakt
- „Piratenherz“: Erzählungen mit scharfer Kante
- Morde, Abgründe, toughe Frauen: lesbischer Krimiherbst
- „Parties“: Boheme vor dem Schwarzen Freitag
- Hochklassige Literatur über eine versteckte Liebe
- Mehr Stoff von erlesener lesbischer Hand
- Südafrika, der bunte Kontinent – differenziert beschrieben
- „Zwei Lieben:“ Gegen das schwule Vergessen
- „Endstation Russland“: Fremd im eigenen Land
- „Lange Nächte Tag“: Was verträgt die Liebe?
- Seelengleiche: Patti Smith und Robert Mapplethorpe
- Debüt: Surmanns „Die Schwerelosigkeit der Flusspferde"
- Rebellisch: Isherwood's „Löwen und Schatten"
- „Blaue Augen bleiben blau" – Buschbaum ist trotzdem Klischee
- Überaus spannend: „Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens“
- Eiskalt: Mit „Anleitung zum Mord“ gibt Christoph Wildt sein Debut
- „Das Tomatensaft-Mysterium“: Thomas Hermanns übers Fliegen
- „Aus Angst“: Maria Plasbergs zweiter Fall
- Miriam Meckel stellte ihr Buch „Brief an mein Leben“ vor
- Bunte Welten: Kinderbücher über Regenbogenfamilien
- „Brief an mein Leben ...", Autobiografisches nach dem Burnout
- Dandy in Aspik: Rupert Everetts Buch über „Rote Teppiche und andere Bananenschalen“
- Silvia Bovenschen: Spiel mit Stolpersteinen
- „Die Königsfälschung“: Skandalgeschichte aus dem homosexuellen französichen Königshaus
- „Der Angler des Zufalls": artistische Prosa von Christoph Geiser
- „Chinatown": lesbische Liebe im Hamburg der 20er
- Neue Textsammlung von Ronald M. Schernikau
- Wolfgang Joop: „Ich kann noch nicht mal einen Knopf annähen”
- Spieler unter sich: Teil zwei von Cornelia Jönssons SM-Trilogie
- „Lesbisches Engagement in Ostberlin 1978-1989"
- „Verzaubert in Nord-Ost“: Endlich erzählte Geschichte
- „Atemschaukel" von Nobelpreisträgerin Herta Müller
- Im Tal der Ahnungslosen: Die Vulva
- Das Fazit aus 13 Jahren Sexdienstleisung: „Fucking Germany“
- Der göttliche Dandy: „Dandy in der Unterwelt“
- Who is it? Zwei Werke über Michael Jackson
- Getrieben von den Trieben: Rosa von Praunheims "Rosas Rache"
- "Was geschah während wir schliefen" von Noémi Kiss
- Lustig, schräg, politisch: Pelham Grenville Wodehouse
- Lesbische Trivialerotik: „Alicia“ von Ulrike Voss
- Auf der Suche nach Mr. Straight
- Jagdfieber: „Frauen und andere Raubtiere“ von Pat Califia
- Neues von Judith Butler: „Die Macht der Geschlechternormen“
- Tipp: „Sie liebt sie“ von Felice Newman
- Neuauflage "Die Knaben" von Henry de Montherlant
- „Das Fischkind" ist ein roher und zugleich magischer Roman
- „Die Prophetenmorde“: Erfolgreich-verrückte Thriller-Serie
- Tierschützer Dan Mathews Biographie macht Spaß
- „Die Frau im Turm“ arbeitet Zeitgeschichte auf
- „Politik des Eros“: Homosexualität als superviriler Männerbund
- „Foucalt. Der Philosoph als Samurai“ erklärt Foucaults Ideen
- Michael Flotho und der Streisand
- „Fragen Sie mich nicht, wie einsam ich bin“
- Liebling der Gemeinde – Barbra Streisand
- „Der letzte Prinz" – Peter Hofmann im Interview
- Kirchenkrimi und Liebesgeschichte: „Confiteor“
- „Liebe vielleicht", federleichter Sommerroman
- Tipp: der „Nix“ bald in einer sehr schönen Hörbuchfassung!
- „Etwas Kleines gut versiegeln", Svealena Kutschke brilliert!
- "Der letzte Kommunist": Matthias Frings über Ronald M. Schernikau
- Carmen Bregy debütiert mit "Im Stillen umarmt"
- Tipp: „Die Eignung“ von Michael Sollorz
- "Ziffer und die Seinen", ein haarsträubender Roman
- „Keine Tochter aus gutem Hause“: Johanna Elberskirchen
- Queere Büchernacht zappte durchs Literaturuniversum
- Augusten Burroughs und David Sedaris
- Hans Pleschinski: „Ludwigshöhe“
- „Ich reiß mir eine Wimper aus, ...“
- Thomas Hermanns: "Für immer d.i.s.c.o."
- Umtriebe auf der Oranienstrasse: 11. Lange Buchnacht, 16.5.
- "Idealismus reicht heute nicht mehr!" – auch das schwullesbische Buchgeschäft wird härter
- „Meschugge - eine fast perfekte Familie“
- „Die Kerzenscheinphobie“
- „Nachtfieber“
- Biographie über die Mendelssohns
- Krimi: Der nasse Fisch
- Chronik der Schwulen
- Drag King Träume
- Buch „Kindsköpfe“
- Buch „Sex und die Gitti“






