Buch
Donald Windhams „Zwei Menschen“ ist ein schwuler Klassiker
Mit gelassener Offenheit erzählt Donald Windham die Geschichte einer leidenschaftlichen Begegnung im Rom der 50er-Jahre
© Verlag Lilienfeld Donald Windham (re.) mit Truman Capote in Venedig
SIS 17.1.2011 – In Donald Windhams Roman „Zwei Menschen“ gibt es einen Augenblick, kurz bevor ein heterosexueller, römischer Teenager dabei ist, ein erotisch und emotional vielschichtiges Verhältnis mit einem älteren amerikanischen Geschäftsmann zu beginnen. Marcello geht die Via Condotti hinunter und bleibt nachdenklich vor den Schaufenstern von Herrenbekleidungsgeschäften stehen. Er fühlt sich plötzlich von Dingen angezogen, die noch nicht gekauft, noch nicht benutzt wurden oder wie Museumsobjekte nicht mehr benutzt werden. Er fühlt, dass er einem reinen, unmissverständlichen Wert nahe ist, den jedes Objekt verliert, wenn es in die Alltagssphäre des Gekauften und Benutzten gerät.
Beiläufiges Eintauchen in die Prostitution
Marcello selbst ist nicht ganz „ungekauft und unbenutzt“, aber sein beiläufiges Eintauchen in die „Prostitution“ ist kein melodramatischer Sündenfall. Hier geschieht es: Der junge Mann trifft auf Forrest, der gerade von seiner Frau verlassen wurde und zögert, zu seiner Familie nach New York zurückzukehren. Der Roman ist die Geschichte dieser außergewöhnlichen Begegnung, durch die beide Beteiligten voneinander Dinge lernen werden, die ihr Leben für immer verändern und bereichern. Am Schluss kehrt Forrest nach New York zurück, Marcello bleibt in Rom und wird seine Freundin heiraten.
Fast hätte der 1920 geborene Schriftsteller das Erscheinen seines Romans auf Deutsch noch erlebt, er starb im Mai 2010. Berühmte Kollegen wie Albert Camus, Thomas Mann, André Gide, E. M. Forster, Truman Capote, Tennessee Williams und Georges Simenon waren Fans von Windhams kristalliner Prosa und durchdringender Beobachtungsgabe. „Zwei Menschen“ erschien 1965 und wurde wegen der homosexuellen Thematik von der Kritik nicht gut aufgenommen oder gleich ignoriert. Es war eine Zeit, als im allgemeinen Bewusstsein schwule Beziehungen bestraft und in einer (wie auch immer gearteten) Katastrophe enden mussten. Eine Rezensent schrieb etwa, der Roman sei deshalb nicht glaubwürdig, weil er „glücklich“ endet!
Donald Windhams Buch ist eine Kostbarkeit und beweist, dass Windham ein Romancier von hohem Rang ist. Immer gelingt es ihm, uns das Vertraute, tausendfach Geschaute neu sehen zu lassen: „Es ist nichts Besonderes, das Wunderbare, aber es ist wunderbar, das Alltägliche zu lieben“.
Egbert Hörmann
Donald Windham, „Zwei Menschen“, Verlag Lilienfeld, 212 Seiten, 19,90 Euro
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