Buch
„Endstation Russland“: Fremd im eigenen Land
In ihrem Debütroman stellt Natalja Kljutscharjowa ein Land vor, in dem sich Intellektuelle, Revolutionäre und Transen fremd fühlen
© Inga Pylpchuk
SIS 1.6.2010 - Nikita ist jung und neugierig. Er sucht das wahre Russland und reist mit der Eisenbahn quer durch das Land in einem billigen, stinkenden – typisch postsowjetischen – Großraumwagen. Dort trifft er die ärmsten Leute, die ihm ihre bitteren und spannenden Geschichten erzählen. Aus diesen Geschichten, die Nikita psychisch und auch physisch weh tun, bastelt sich der überempfindliche junge Patriot seine Heimat.
Nikita selbst hat auch kein einfaches Leben. Seine Freunde verlassen kaum ihre Wohnungen, da sie zu viele Probleme mit der Welt vor ihren Fenstern haben. Seine Geliebte Jasja, die früher revolutionäre freie Verse geschrieben hatte, wurde jetzt Pornostar. Einmal trifft Nikita ihre neuen „Freunde“, darunter junge schwule Asiaten und orthodoxe Priester, die in der gottesdienstfreien Zeit junge Stricher gleich in der Kirche ficken.
Einer davon ist der Stricher-Transvestit Grischa – oder Mütterchen, wie ihn die Popen nennen. Die zärtliche 23-jährige „Königin der Piste“ inszeniert sich als Frau und zieht den bezahlten Sex mit Männern jedem anderen Beruf vor, obwohl sie das Modefach „Werbung und Marketing“ studiert hat. Leider reduziert sich die lustige und wahrhafte Figur aber im Laufe des Romans auf eine stereotype Parodie, die die weibliche Männlichkeit verlacht. Durch Armut und Verzweiflung gereift, entdeckt Nikita mit seinem ganzen Dostojewski’schen Pathos endlich ein Dorf, wo zumindest einige seiner unglücklichen Heldinnen und Helden ein Zuhause finden. Eine 80-jährige Migrantin aus Grosny, Nikitas nobler Freund und Chianti-Trinker Junker, aber auch Mütterchen Grischa – sie alle, für die es keinen Platz im heutigen Russland gibt, dürfen in das utopische Dorf Gorki flüchten.
Grischa wäscht dort die Puderschichten von seinem Gesicht, nimmt das Lippenpiercing heraus und wird Altardiener. Alles, alles ist möglich in diesem Land, so könnte man im lustigen Tonfall über die russischen Extreme ironisieren. Aber Grischas Verwandlung ist eher ein christlicher Heilungsmythos als eine Ironie. Er wird nun ein „richtiger“ Mann und ist sogar bereit, im sexuellen Sinne „umzulernen“. Was für ein altes konservatives Märchen, aber nichtsdestotrotz …
Humorvoll, sinnlich, bewegend und etwas belehrend erzählt Natalja Kljutscharjowa, die übrigens auch Redakteurin einer Moskauer Zeitung für Bildungsfragen ist, über das Leben in Russland. Die beeindruckenden Einzelgeschichten der russischen Leute explodieren letztendlich in einer Revolution.
Ob Nikita, der größte Held dieser Revolution, stirbt oder am Leben bleibt (die Autorin hat das Ende des Romans dreimal umgeschrieben!), scheint nicht wichtig zu sein. Der Reiz dieses Buches liegt im Stil, nicht in der Moral.
Inga Pylypchuk
Natalja Kjutscharjowa, „Endstation Russland“, Suhrkamp Verlag, 187 Seiten, 9,90 Euro
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