Buch
Hochklassige Literatur über eine versteckte Liebe
Alain Claude Sulzer brilliert mit „Zur falschen Zeit“
SIS 12.8.2010 – Von einem Jurymitglied des Ingeborg-Bachmann-Literaturwettbewerbs darf man einiges erwarten. Im Falle von Alain Claude Sulzers neuem Roman „Zur falschen Zeit“ werden diese Erwartungen nicht enttäuscht. Der in der Schweiz geborene und ansässige Schriftsteller, ehemals Bibliothekar und Journalist, begann in den 80er-Jahren, Romane zu schreiben, und erlangte damit schnell internationale Anerkennung.
Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt er 2008 den renommierten französischen Prix Médicis étranger für seinen Roman „Ein perfekter Kellner“, der dem Männer liebenden Leser vielleicht gut in Erinnerung geblieben ist, da die Geschichte um einen schwulen Kellner aus dem Berner Oberland der 30er-Jahre einmal mehr auf vollendete Art bewies, dass sich Literatur in schwulen Buchläden eben nicht nur zwischen Pop und Porno bewegt, sondern dass es zeitgenössische Autoren gibt, die auch und diesem Fall vor allem außerhalb der Szene berühmt dafür sind, mit sprachlicher Finesse den großen Tragödien des Menschseins nachzugehen, ohne antiquiert zu wirken.
Um eine offensichtliche Tragödie kreist auch die Geschichte seines neuen Romans. Der in der Schweiz lebende Icherzähler ist 17 Jahre alt, als er sich intensiver mit der Geschichte seines Vaters Emil auseinandersetzt, der sich kurz nach der Geburt des Sohnes umgebracht hat. Immer, wenn er das Thema anschneidet, gibt sich seine Mutter Veronika wortkarg. Das einzige Relikt seines Vaters ist ein Foto, das in den 50er-Jahren in einem Pariser Fotoatelier aufgenommen wurde. Der Stempel des Fotos verrät, dass das Atelier seinem mysteriösen, da bisher nie gesehenen Patenonkel André gehört. Kurzerhand bricht der Junge auf zur Spurensuche nach Paris.
Dort trifft er dann tatsächlich auf André und findet heraus, dass dieser die große Jugendliebe seines Vaters war. Und dass Emil – anders als André – an der Moral seiner Umgebung gescheitert ist. Von seinen Eltern mehrmals zur Umerziehung in eine psychiatrische Klinik gesteckt, seine künstlerischen Neigungen erstickend, kapitulierte der sensible junge Mann, gab sich der Illusion eines bürgerlichen Lebens hin, heiratete und wurde Lehrer.
Gleichzeitig mit dem Reifeprozess des Icherzählers gewinnt die Leserschaft durch Rückblenden Einsicht in Emils Innenleben, in die ausweglose Situation eines angepassten Lebens in der Schweizer Provinz der 50er-Jahre, das durch die Fatalität einer Liebe „zur falschen Zeit“ zum Gefängnis und Todesurteil wird.
Der Autor wurde zu dem Roman inspiriert, als ihm ein Freund die Geschichte eines Mädchens erzählte, dessen Vater sich früh das Leben genommen hatte.
Sulzer erkennt zwar an, dass Emil ein Opfer seiner Umstände ist, lenkt aber dennoch ein, dass es auch in unserer Zeit noch Versuche geben mag, unangenehmen Wahrheiten mal mehr, mal weniger erfolgreich aus dem Weg zu gehen. Nicht nur diese Tatsache, sondern vor allem das erzählerische Talent dieses großen Romanciers macht sein neues Werk zu einem literarischen Highlight dieses Sommers.
Reiner Narr
Zur falschen Zeit, Galiani Verlag Berlin, 240 Seiten, 18,95 Euro
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