Buch
„Ich reiß mir eine Wimper aus, ...“
Das neue Buch von Josef Winkler, Träger des Büchner-Preises 2008
© Jerry Bauer Josef Winkler wurde von der Akademie für Sprache und Dichtung Anfang November 2008 mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet
SIS im Februar 2009. „Ich wüßte keinen Besseren", kommentierte Elfriede Jelinek die Vergabe des Büchner-Preises, die höchste literarische Auszeichnung Deutschlands, an ihren Landsmann Josef Winkler. Er habe, so die Begründung der Akademie für Sprache und Dichtung, „auf die Katastrophen seiner katholischen Dorfkindheit mit Büchern reagiert, deren obsessive Dringlichkeit einzigartig“ sei – voller „Blasphemie und Frömmigkeit, Todessehnsucht und Todesangst ... ein bewegender Abgesang auf eine untergehende Welt.“
Geographie ist oft Schicksal. Das klaustrophobische, patriarchalisch-repressive Dorf in Kärnten und die dort erlittenen Wunden wurden für den 1953 geborenen Winkler zum Auslöser für eine Art Eigentherapie. „Das einzige Mittel, dem Entsetzen zu entgehen, besteht darin, sich ihm zu überlassen" – diesen Satz von Jean Genet hat sich dieser Heimatdichter der besonderen Art zum Motto seines Schreibens gemacht.
Traumatisierende Urszenen gab es in diesem von halb archaischen Bauernritualen bestimmtem Umfeld zuhauf. Mit dem Anblick der aufgebahrten Großmutter begann für den Dreijährigen bereits die „Bilderflut“, und als Ministrant „bestaunte“ er im Totenhaus die Leichen im offenen Sarg. In fast allen seinen Romanen tauchte aber bislang jene Schlüsselszene auf, die alles in sich birgt: 1976 erhängte sich ein 17jährige schwules Freundespaar am Baum im Pfarrhofstadl mit einem Kälberstrick.
Nicht so sehr Aufarbeitung, sondern Zerstörung all dessen, was sein Leben so früh prägte, war für Winkler lange bestimmend, wobei seine Wut so maßlos war wie Todessehnsucht und Lebensgier. Davon wird Winkler wohl nie loskommen, wie auch vom verfluchten Katholizismus. Winkler rotiert im Bannkreis von Schuld, Strafe, Wunden, Schmerz und Lust.
Dennoch: „Die Wut ist zum Teil draußen“ (so Winkler), und sein neues Buch „Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot“ etwas ruhiger geraten. Es sind Reportagen des Vielreisenden, die vom Lesen, Schauen, Reisen und Schreiben handeln, wobei aber immer noch Todes-, Unglücks- und andere Fälle den Text grundieren. Auch hier sieht man, was Sprache kann – sie kann retten, was ohne sie eventuell verloren wäre: das Leben.
Egbert Hörmann
„Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot“,
Suhrkamp Verlag, 125 Seiten, 9 Euro
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