Buch
Im Tal der Ahnungslosen: Die Vulva
Ein Nachtrag zum Medien-Hype um das Buch „Vulva-die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“
SIS 30.9.2009 – Das Tal der Ahnungslosen liegt eigentlich in der Region um Dresden. Zu DDR-Zeiten konnte man dort keine West-Nachrichten empfangen. An diesem Ort lebten also die Unwissenden. Die Geschichte der Vulva ist ebenfalls ein solches Jammertal – ein finsterer Grund, vor dem nach Sigmund Freud schon viele Männer in Neurosen und Homosexualität flohen, weil sie dort ein Gebiss vermuteten, das sie zum Eunuchen machen könnte. Auch scheint niemand so recht zu wissen, wo die Vulva eigentlich genau liegt oder wie sie aussieht. Also: Die Vagina ist der im weiblichen Körper liegende muskuläre Schlauch, der zur Gebärmutter führt. Die Vulva bezeichnet hingegen das komplette äußere weibliche Geschlechtsorgan. Eigentlich ganz einfach, oder?
Im 68er-Verlag Wagenbach ist jüngst eine im Mainstream längst überfällige Kulturgeschichte dieses blinden Fleckes auf der Landkarte der Heteronormativität erschienen. Mit „Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts.“ gelingt der Journalistin Mithu M. Sanyal eine erfreuliche Ausweitung der Kampfzone um die weiblichen Feuchtgebiete. Die Freude im Feuilleton war nicht weiter überraschend. Vor allem männliche Journalisten und Kritiker überschlugen sich. Geflissentlich übersehen wird, dass „Vulva“ keineswegs das „freche“ Buch zur sexy Generation Alpha-Mädchen ist. Die Autorin Sanyal feiert anhand einer Fülle von kulturhistorischen und popkulturellen Belegen vor allem das Scheitern des Versuchs, das weibliche Geschlechtsorgan mit dem männlichen zu überschreiben und somit jeglicher eigener Identität zu berauben. Die Vulva war also nie weg! Das ist schön.
Schön ist auch, dass Lesben dazu beitragen konnten. Lesbische Frauen haben bereits in den 1970ern angefangen, Sexualität und den eigenen Körper nicht als Negativ des männlichen zu denken. Lesben haben ihre Erkenntnisse in die Kunst und Pornografie getragen, in die Naturwissenschaften, waren Pionierinnen der Queer und Gender Studies und haben auch allerhand hippiesken Unfug getrieben, der uns heute peinlich ist. Aber nicht nur das. Während der Mainstream nun die Alpha-Möse würdigt, haben Lesben ihre selbst getöpferten Teestöfchen in Vulvaform schon längst auf den Dachboden gestellt und den Dildo revolutioniert, den Vibrator getunt, die weibliche Prostata und Ejakulation populär gemacht. Es ist nicht einmal vermessen zu behaupten, dass vorwiegend Lesben die Wegbereiterinnen für die Wiederinbesitznahme des weiblichen Körpers sind. Nur scheint diese Information irgendwie in einem Funkloch verschwunden – sie steht zumindest nicht in diesem ansonsten lesenswerten Buch. Wie schade.
Stephanie Kuhnen
Mithu M. Sanyal , „Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts.“
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