Buch
Jagdfieber: „Frauen und andere Raubtiere“ von Pat Califia
Gehen wir davon aus, dass der Mensch ein Tier ist. Dann ist eine Frau, die andere Frauen jagt und sie sich auf die ein oder andere Art einverleibt, durchaus ein Raubtier. Der Titel von Pat Califias erotischen Geschichten hätte nicht besser gewählt sein können. Doch vor dem Genuss des Buches steht das Wissen um die Autorin, die inzwischen ein Autor ist. Pat Califia machte in den 80er-Jahren als sexpositive Feministin von sich reden. Ihre Titel „Wie Frauen es tun“ und „Das S/M Sicherheitshandbuch“ rüttelten schon früh an dem Klischee der kuschelsexsüchtigen Lesbe. In den späten 90ern wurde aus der Psychologin Pat der Psychologe Patrick und aus der Leder-SM-Dyke ein bisexueller Transmann.
Die fünf in „Frauen und andere Raubtiere“ gesammelten Geschichten schrieb noch Pat Califia zwischen 1988 und 2000. Vor diesem Hintergrund gewinnen sie an Tiefe. Califia erzählt von Frauen, die aus ihren Rollen fallen und mit den Erwartungen der Lesenden spielen. Heraus fällt dabei „Clarissas letzte Nacht“, die an dem allerheiligsten Tabu des Inzests rüttelt, ihn (wenngleich wieder rollenverdreht) erotisiert und dabei ausdrücklich als Fantasie gesehen werden will. Hätte ein Mann Ähnliches geschrieben, wäre Protest vorprogrammiert – oder hohe Literatur daraus geworden. Wer gut abstrahieren kann und bei Mommy-Girl-Plays keine Angstschübe kriegt, kann hier munter mitträumen, andere sollten sie vielleicht einfach überspringen. Mit dieser Einschränkung ist „Frauen und andere Raubtiere“ absolut empfehlenswert, des ungewöhnlichen Sexes und auch der stellenweise (unfreiwillig) komischen 80er-Jahre-Kulisse und -Sprache wegen.
Tania Witte
Pat Califia, „Frauen und andere Raubtiere“, Deutsch von Antje Wagner & Manuela Lachmann, Querverlag, 192 Seiten, 14,90 Euro
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