Buch
„Keine Tochter aus gutem Hause“: Johanna Elberskirchen
Eine detailverliebte fesselnde Biographie über die frühe Frauenrechtlerin
© UVK Verlagsanstalt
SIS im März 09 – Außergewöhnlich, aber fast vergessen: Johanna Elberskirchen war als aktive Feministin und offen lesbische Frau eine Brückenfigur zwischen Homosexuellenbewegung und dem radikalen Flügel der alten Frauenbewegung.
Die Sache mit der Urne ist das Salz in der Lebensgeschichte der Johanna Elberskirchen, sie streut das gewisse Etwas an Grusel, Kämpfergeist und Romantik ein. Folgerichtig beginnt Christiane Leidingers Buch mit der mysteriösen Geschichte: Wie kommt die lange verschollene Urne der feministischen, sozialdemokratischen und obendrein offen lesbischen Johanna Elberskirchen in das Grab ihrer erst Jahre später verstorbenen Lebensgefährtin Hildegard Moniac? Die geneigte Leserschaft erfährt die mysteriösen Hintergründe der Urnenwanderung erst auf den letzten Seiten der Biografie.
Die verbleibenden 480 Seiten (130 davon für das Glossar) berichten vom aufsehenerregenden Leben der Tochter kleiner Ladenbesitzer in Bonn, wo sie 1864 geboren wurde. Eine Tochter aus gutem Hause war sie nicht – im Gegensatz zu Simone de Beauvoir, auf deren Memoiren der Buchtitel anspielt. Weil Frauen in Deutschland nicht studieren durften, erstritt sich Johanna Elberskirchen ein Medizinstudium in der Schweiz, das sie jedoch nicht zu Ende führte.
Ihre emanzipatorische Haltung verbarg sie genauso wenig wie ihre Liebe zu Frauen. Dennoch war in der elitären feministischen Szene zwischen Jahrhunderten und Weltkriegen kein Platz für sie. Die Studienabbrecherin bekam nur wenig Anerkennung von ihren namhaften Zeitgenossinnen, mit denen sie eigentlich Passion und viele Ziele gemein hatte. Mit ihren hohen Ansprüchen an die „wahre Feministin“ eckte sie ebenso an wie mit ihren oft polemischen Publikationen und Reden.
Johanna Elberskirchen zerriss in ihrem Kampf um die Rechte der Frau die patriarchale Doppelmoral in der Luft und sinnierte laut und provokant über Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Mit ihrem Tod in der Nähe von Berlin 1943, wo sie eine naturheilkundliche Praxis hatte, ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende. Es folgt ein bemerkenswerter Erbstreit – und die Auflösung des Urnengeheimnisses. Die Detailverliebtheit, mit der die Politologin Christiane Leidinger für „Keine Tochter aus gutem Haus“ recherchierte, grenzt an detektivische Feinarbeit. Auch wenn sich daraus stellenweise Längen im Buch ergeben, ist es doch gerade dieser Akribie zu verdanken, dass das Leben der Protagonistin passgenau in den zeitlichen Kontext zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus eingewebt wird, gebettet in Infos, Zitate, Zeitdokumente und eine umfangreiche Bebilderung.
In Romanform wäre Johanna Elberskirchens Geschichte ein echter Pageturner, das vorliegende Buch aber ist ein Schätzchen, das trotz seiner guten Lesbarkeit Ruhe und tiefer gehende Neugier erfordert.
Tania Witte
Christiane Leidinger, „Keine Tochter aus gutem Hause – Johanna Elberskirchen 1864–1943“, UVK Verlagsgesellschaft, 24,90 Euro
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