Buch
„Landlust“: Die Großstadt ist die wahre Wildnis
Martin Reichert schreibt in seinem neuen Buch satirisch übers Land- und Stadtleben. Fazit: „Wir werden in der Großstadt nicht artgerecht gehalten“
© Jonas Maron
SIS 7.2.2011 – Frische Landluft, idyllische Gehöfte und ringsum glücklich grasendes Nutzvieh. Manch Großstadtmensch macht sich so seine Illusionen über das Treiben außerhalb der Betonsiedlungen, wo Bauern, während sie ihr Feld bestellen, via Bildschirm eine Frau suchen – alternativ auch mal einen Mann –, wo die Mahlzeiten ökobäuerlich erzeugt und nicht im Discounter erworben werden, wo jeden Morgen ein riesiger Plüschbär beim Frühstück im Garten die Kaffeesahne umrührt.
Würden da nicht ab und an eine tragische Tierseuche, wahlweise ein Dioxinskandal, die heimische Agrarwirtschaft ruinieren, die lokale Presse über den rechtsradikalen Landmob berichten und hiesige Citymagazine Homostorys vom Smalltown Boy abdrucken, den das verständnislose Land in die versöhnliche Metropole getrieben hat – die Klischees übers Leben außerhalb der Städte wären schlicht zu einseitig.
In seinem Buch „Landlust – Ein Selbstversuch in der deutschen Provinz“ räumt Martin Reichert mit den größten Verklärungen auf und zieht ein erstaunliches Fazit: „Echtes“ Landleben wird es bald nur noch in Großstädten geben. Die dazu nötigen Argumente liefert er in unterhaltsamen, dem Kalender folgenden Essays, mal sachlich fundiert, mal überzogen pointiert. Wer sich, zum Beispiel, bewusst bio ernähren möchte, ist in der Stadt mit ihrer Vielfalt an Ökoläden schlicht besser aufgehoben. Während in Berlin das Gardening gerade ein Riesenthema ist und kleine Minifarmen längst Realität sind, verlieren Bauern in Brandenburg ihre Arbeit, Äcker, Höfe. Dafür breiten sich dort Bioölraffinerien aus und stylishe Windkraftanlagen. Industry goes countryside.
Großstadtmenschen wiederum leiden unter mangelndem Auslauf und ewiger Reizüberflutung. „Wir werden in der Stadt nicht artgerecht gehalten“, sagt Martin Reichert, der unter der Woche in Neukölln wohnt und ansonsten mit seinem Freund draußen in Brandenburg haust. Aus seinem „Leben zwischen den Stühlen“ ist die feine Komik des Buchs entstanden. Nach seinem 2008er-Debüt „Wenn ich mal groß bin ...“ beweist sich Reichert erneut als wortgewandter, scharfsinniger Kolumnist, der den Zeitgeist von Ökoromantik und Landliebe bildungsbürgerlicher Bionade-Menschen aufgreift und sie dann vom Bauernhof jagt.
Sirko Salka
Martin Reichert (Foto): „Landlust“, Fischer, 220 Seiten, 8,95 Euro
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