Buch
„Lange Nächte Tag“: Was verträgt die Liebe?
Wütend, skandalös, zärtlich: Simon Froehlings Romandebüt erzählt eine abgründige Amour fou
© Nikkol Rot
SIS 25.5.2010 – Wie viel fremden Sex verträgt die Liebe? Was bedeutet Liebe in Zeiten von HIV, Gayromeo und Partydrogen? Hat Vertrauen noch Platz zu gedeihen – zwischen flüchtigen Projektionen und Abenteuern? Diese und noch mehr Fragen wirft der Debütroman des jungen Dramatikers Simon Froehling auf.
„Lange Nächte Tag“ ist ein Roman mit Tiefgang, wobei der Plot relativ übersichtlich bleibt: Beim Yoga verliebt sich der Icherzähler Patrick Hals über Kopf in Jirka. Beide sind um die 30 und gut aussehend. Am beidseitigen Magnetismus gibt es keinen Zweifel. Sie gehen sofort zusammen nach Hause. Als Jirka eingeschlafen ist, schleicht sich Patrick weg – ob aus Gewohnheit oder von einer unbewussten Angst getrieben, in den Hasenbau zu fallen und die gewohnte Welt einzubüßen, ist ihm im ersten Moment selbst noch unklar. Und tatsächlich bildet diese Nacht den Auftakt zu einer emotionalen Achterbahnfahrt, die das frische Paar an seine Grenzen treibt. Denn auch Jirka entwickelt Fluchttaktiken angesichts der Verheißungen, die Patrick in ihm auslöst: nach einer verdrogten Nacht landet er auf einer Sexparty, wo er sich prompt mit HIV infiziert. Die Auswirkungen der Infektion und die damit verbundenen emotionalen Konfrontationen lassen nicht lange auf sich warten.
In Rückblenden erzählt Patrick von den ersten Wochen der Beziehung mit Jirka, von der zerbrochenen Ehe seiner Eltern, seinem Coming-out, seinem Ex und von seiner jung verstorbenen Schwester. Doch im Zentrum des Mosaiks bleibt der Geliebte, Jirka, und die Faszination, die von seiner zerbrechlichen Männlichkeit ausgeht. Und als ob der Erzähler seinen eigenen Widerstreit zwischen Nähe und Distanz unterstreichen möchte, wechselt er oft zwischen der zweiten und dritten Person, wenn er von seinem Geliebten redet. Nun ist „Lange Nächte Tag“ kein Roman über HIV, sondern in erster Linie eine Liebesgeschichte.
Simon Froehling ist in der Schweiz geboren und machte sich 2005 einen Namen als Theaterautor. In seinem ersten Buch schafft er es mit poetischer Leichtigkeit, das Innenleben seiner Figuren zu sezieren und damit all die Konflikte und Ängste freizulegen, die den Ballast oder das „Karma“ einer Liebesbeziehung ausmachen.
Sein Buch stimmt zwar nachdenklich, doch seine sprachliche Frische und auch die Erotik verhindern, dass der Leser in zu viel Sinnhaftigkeit ermüdet. Mögen einige der Wendungen und Zusammenhänge ein wenig konstruiert wirken und mag das Pathos, das den Charakteren innewohnt, manch einen befremden – die Antinomie des Lebens, die Verwandtschaft von Eros und Thanatos, die Nähe von Zärtlichkeit und Brutalität, die Frage, ob Schicksal oder Zufall, scheinen den schwulen Protagonisten wie auf den Seelenleib geschneidert.
Reiner Narr
Simon Froehling, „Lange Nächte Tag“, bilgerverlag, 190 Seiten, 21,90 Euro
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