Buch
Mehr Stoff von erlesener lesbischer Hand
Neues von Shamin Sarif (Die verborgene Welt) und Annemarie Schwarzenbach
SIS 7.8.2010 – Die aus Indien stammende Südafrikanerin Shamim Sarif ist eine großartige Schriftstellerin und eine gute Regisseurin. Seit Jahren bereichert sie nicht nur die lesbische Kultur durch ihre Kreativität. Die Beschreibung schwieriger politischer Verhältnisse scheint eine besondere Herausforderung für Sarif zu sein, die sie auch in ihrem neuen Roman „Das Leben, von dem sie träumten“ grandios meistert.
Die Story beginnt zwar etwas lahm, wird aber bald spannend und bewegt sich auf zwei Zeitebenen, im heutigen Boston und im Kalten Krieg in der UdSSR. Moskau 1959: Die junge Katia ist Frau und hat sich als Agentin dem Kampf gegen das kommunistische System verschrieben, nachdem ihre Eltern bei den Säuberungsaktionen unter Chruschtschow ermordet wurden – wie Millionen von Menschen in der Sowjetunion. Dann begegnet sie dem Regierungsmitglied Alexander, den sie zunächst beschattet, doch bald verliebt sie sich, wird auf infame Weise verraten und ermordet.
Alexander flüchtet in die USA, wo er ein Catering-Imperium aufbaut. Mit 60 begegnet er Melissa, der ersten Frau, die ihn seit Katias mysteriösem Tod berührt, der nach und nach aufgedeckt wird. Einen wesentlichen Anteil daran haben Melissas Tochter und Alexanders Nichte, zwei sehr unterschiedliche lesbische Frauen, bei deren ersten Aufeinandertreffen noch Antipathie und Spannungen vorherrschen, aus denen erstaunlicherweise bald erotische Vibrationen entstehen.
Leidenschaftliche, sehr ausgefeilte Charaktere, kleine Gesten und Details, eine dichte, poetische Sprache: wer mit der Lektüre begonnen hat, mag Sarifs exzellent übersetzten Roman erst mit der letzten Seite aus der Hand legen. Die Autorin beleuchtet aber nicht nur die großen, sondern auch die kleinen Schauplätze der Weltgeschichte und zeigt, dass die Befreiung aus einer langjährigen Ehe mit einem chauvinistischen Egomanen auch in fortgeschrittenem Alter noch machbar ist. Wenn große Gefühle involviert sind, scheint alles möglich.
„Das Leben von dem sie träumten“,
Krug und Schadenberg, 368 Seiten, 22,90 Euro
Annemarie Schwarzenbach entstammte einer angesehenen Schweizer Industriellenfamilie, war promovierte Historikerin, lesbische Abenteuerin und
eine „unheilbar Reisende“. Die Geschichte ihres kurzen Lebens bietet Stoff für wilde Spekulationen und mehrere Bücher: ihre Freundschaft mit Erika und Klaus Mann, ihre Morphiumsucht und der Charme, mit dem sie reihenweise Herzen brach. Doch die androgyne Schönheit war vor allem Reisejournalistin. Durch ihren Status als höhere Tochter konnte sie in den 1930er-Jahren Gegenden bereisen, zu denen der Zugang heute erschwert oder unmöglich ist. Die Kosmopolitin behielt historische und soziale Umstände im Blick und zeichnet das Abbild einer Welt, die vor dem Hintergrund der NS-Diktatur noch an Brisanz gewinnt.
Walter Fähnders, Professor für Neuere Germanistik, stellte im neuen Band „Orientreisen. Reportagen aus der Fremde“ Texte von ihr zusammen, die damals
in der Schweizer Presse veröffentlicht und nie wieder nachgedruckt wurden. Poetisch, erzählerisch, authentisch: „Orientreise“ ist ein atemlos-nachdenkliches Zeitdokument aus der Sicht einer Ikone.
„Orientreisen. Reportagen aus der Fremde“,
edition ebersbach, 192 Seiten, 19,80 Euro
Andrea Winter/Tania Witte
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