Buch
Morde, Abgründe, toughe Frauen: lesbischer Krimiherbst
Neues von Antje Wagner, Corinna Waffender und Regina Nössler
SIS 21.9.2010 – Übergang ist ihr Leben. Die Lehrerin Mila und ihre außergewöhnliche Freundin Polly sind auf der Flucht. Immer wieder passieren Morde wie der an Rosa Mailand, der nylonbestrumpften sadistischen Aufsicht der Zimmermädchen. Das Grauen aber ist mehrheitlich männlich und lauert in jeder Nachbarschaft, im kleinkarierten Stuttgart, in der Dunkelheit Schwedens, in der Gegenwart wie in der Vergangenheit, nah und fern. Antje Wagner beschreibt in ihrem ersten Kriminalroman „Schattengesicht“ die Charaktere so dicht und wirklich, dass die Leserin eine Mordslust überkommt und am liebsten mitmengen würde.Metaphernreich wie gewohnt fesselt sie uns mit den einengenden gesellschaftlichen Strukturen, die für Frauen besonders gelten, sodass es nur konsequent scheint, dass die beiden einerseits Leben retten, andererseits vernichten. In sechs Kapiteln rollt sie von der Gegenwart angefangen die Geschichte des Liebespaares auf. Ein besonderer Krimi, bedeutungsvoll und interpretationsoffen. (Querverlag, 208 Seiten, 12,90 Euro)
Kritisch, politisch, klug, das ist das Fazit zu Corinna Waffenders „Töten ist ein Kinderspiel“. Erika Mangold ist gottesergebene Pfarrerin in Charlottenburg und wird in ihrer Kirche erschossen aufgefunden. Zurück bleiben ihr an Symbiose und Krebs leidender Mann, ein Mädchen, ein Kuckuckskind, ein chilenischer Exlover und die auskunftsfreudige Gemeinde. Hauptkommissarin Inge Nowak bekommt viele Morde und viel Vergangenheitsbewältigung aufgetischt, denn die beliebte Erika hat eine dunkle Vergangenheit, aus der sie sich in Gottes Hand flüchtete. In einer Parallelhandlung wird das Leben von Lesben und anderen „Asozialen“ in der nationalsozialistischen Zeit bis heute geschildert, von der verbotenen Liebe und den Misshandlungen, den (Selbst-)Morden, der Internierung im KZ bis zum Überleben und der Verarbeitung des Geschehenen. Immer wieder geht es um die Angst im Nacken, das Fortlaufen ohne anzukommen, um Scham und die Integrität der Seele. Warum tötet eine Person sich oder jemand anderes? Wohnt Unmenschlichkeit in uns allen? Bei einer solch schwierigen Fragestellung braucht Inge Unterstützung, die sie von ihrer Geliebten erhält, der spanischen Kommissarin Veronica. Mitreißend gelingt es Corinna Waffender Außenseitertum, Ausgrenzung und das Mit-sich-ins-Reine kommen mit der NS-Thematik spannend zu kombinieren.
(Querverlag, 256 Seiten, 12,90 Euro).
In Regina Nösslers Krimi „Kleiner toter Vogel“ hat Johanna Fink die Nase voll von Berlin, ihrer schwierigen On-und-Off-Beziehung und den Geldsorgen. Als Auszeit von ihren Problemen löst sie den Hausstand ihrer verstorbenen Tante auf. So landet die Wissenschaftslektorin in einem schwäbischen Dorf voller alltäglicher und auch ungewöhnlicher Grausamkeiten. Das Landleben erscheint ihr gefährlicher als die Großstadt; umgeben vom Tod ist sie ihrer eigenen Leere, Panik und Einsamkeit ausgesetzt. Fremde werden zu den einzigen Vertrauten, denn Verwandte und Freunde sind plötzlich nicht mehr erreichbar. Regina Nössler hätte manche angerissene Idee zugunsten der Vertiefung einer anderen gut weglassen können; am Schluss gibt es einen Dreher zu viel, der das Ende unglaubwürdig macht. Aber alles in allem ist ihr ein großartiger Thriller gelungen, der ansteckende Angst verbreitet und kaum aus der Hand zu legen ist.
(Konkursbuchverlag, 416 Seiten, 10,90 Euro)
Laura Méritt / Tania Witte
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