Siegessäule - „Nein, wir bleiben blöd!“ – Peter Rehberg über Schwule ab 40

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„Nein, wir bleiben blöd!“ – Peter Rehberg über Schwule ab 40


Der Journalist und Literaturwissenschaftler liest am 8.4. im Eisenherz aus seinem Roman „Boymen", hier ist er im Interview

© Ralf Rühmeier

SIS im April 2011: „Boymen“ heißt dein Roman. Schwule wie die 40-Jährige Hauptfigur Felix verlieben sich in Jungs, hören Popmusik, fühlen sich wie 20-Jährige. Sie wollen aber Sex mit Männern haben, die wie Kerle aussehen und „Männerthemen“ beackern. Wie gestört ist das?

Peter Rehberg: Gar nicht gestört. Erstmal ist ja wohl so ziemlich alles erlaubt, wenn jemand nicht direkt dicken Schaden dadurch nimmt. Mich hat es in „Boymen“ interessiert, wie Wünsche in verschiedene Richtungen gehen und sich widersprechen – das geht doch jedem so, oder? Und es ist eben nicht so, dass dann mit 40 endlich Ruhe ist und man weiß, wie es läuft und irgendwie „reif“ wird. Nein, wir bleiben blöd! Ich wollte ein bisschen Komplexität in die Debatte bringen, wie Schwule ticken und was sie wollen.

Offenbar beginnt bei solchen Homos nach der Pubertät direkt eine Midlife-Crisis, warum?

„Heterosexualität“ ist nicht nur eine sexuelle Orientierung, sondern auch ein zeitliches Reifungsmodell. Schwule können versuchen, das zu imitieren oder akzeptieren, dass ihre Art, älter zu werden, queer ist. Ich finde, das macht Hoffnung.

„Nachdenken übers Leben oder leben“, schreibst du. Dein Protagonist Felix lehrt an einer US-amerikanischen Uni in der Provinz und dreht richtig auf, als er in der Berliner Sexszene strandet – so der Inhalt des Buches, jetzt mal sehr verkürzt. Ausgerechnet Berlin verschafft ihm Klarheit übers Erwachsenwerden: Wieso tun sich manche Schwule offenbar schwer damit, erwachsen zu werden?

Ich glaube eben, dass „Erwachsenwerden“ kein neutraler Begriff ist, sondern sozusagen mit ideologischem, sagen wir heterosexistischem Gepäck beladen ist. Zum Beispiel gilt die Idee eines Mannes „in den besten Jahren“ für Hetenmänner aber es gibt kein entsprechendes Modell für Frauen. Und Schwule müssen eben für sich testen, was am Angebot „Erwachsenwerden“ gut für sie ist. Ich finde „Erwachsensein“ also keinen Wert an sich, den man nicht hinterfragen müsste. Andererseits: Wir werden älter und sterben und mit diesem Wissen müssen wir irgendwas machen. Aber ich finde es ganz gut, das als eine Frage zu betrachten, für die die Antwort noch nicht fest steht.

„Das Leben ist zu kurz um es mit Heterosexualität zu verschwenden“, sagt Felix, auch, „je älter man wird, desto unerträglicher wird Heterosexualität“. Wieso haben Schwule wie er so ein Ding mit den Heteros? Oder mit Lesben? Zunehmende Intoleranz im Alter?

Das ist zunächst natürlich erstmal eine Polemik, um mal klarzustellen: Hey, so supereasy wie viele immer tun, ist es zwischen Heten und Homos eben nicht. Es bleibt eine Differenz. Dahinter steckt für mich allerdings auch eine etwas überraschende persönliche Erfahrung: Mit dem Alter machen sich die Heteros rar und mehr Homos kommen dazu. Ich hätte immer gedacht, dass es umgekehrt läuft. Außerdem ist Felix, die Hauptfigur im Roman, ein Lästermaul, der über alle herzieht, Heten, Lesben, Ossis – und Schwule. Das ist eine Mischung aus naivem, kindlichen Trotz und Abgeklärtheit: Alle spinnen irgendwie.

Clay erinnert an den Clay aus „Unter Null“ vom Popliteraten Bret Easton Ellis, den du im Buch auch erwähnst. Ein typischer Vorgang in der Popkultur – oder warum waren dir diese Anspielungen wichtig?

Postmoderne Kultur hatte sich ja mal „Intertextualität“ auf die Fahnen geschrieben, also Literatur als ein Bezugssystem zu verstehen, wo von Text zu Text an unterschiedlichen Motiven und Fragen weitergearbeitet wird, von daher ist das sowieso erlaubt. Mir ging es speziell darum, ein bestimmtes Kalifornien-Bild zu erzeugen, das dem Protagonisten Felix auch genau in diesem fantastischen Charakter, Clay, entgegentritt, er ist also eine Fantasiefigur. Das Spiel mit der Ellis-Referenz war für mich das Mittel, das herauszuarbeiten. Clay ist ja so eine unwahrscheinliche Figur, fast nur erträumt, wie aus einem anderen Text. Um die Erfahrung ging es mir.

In deinen Texten steckt schwuler Zeitgeist drin, inwiefern verstehst du Boymen als Teil der Homopopkultur? Und damit dich als Popliteraten?

Das Pop-Wort ist ja total abgenudelt, so dass man es nicht mehr allen Ernstes in Anspruch nehmen will. Aber Pop-Literatur war ja nicht nur ein kurzer Medienhype, sondern tatsächlich die Idee mit bestimmten Vorgaben der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur zu brechen. Mir ging es dabei immer vor allem darum, gegen ein bestimmtes deutsches Innerlichkeitsgeschreibe anzugehen, was stilistisch gar nicht mehr auszuhalten war. Insofern fühle ich mich vom Verfahren her schon „Pop“ verpflichtet. Aber genauso wie „queer“ geht „pop“ als Label einfach nicht mehr.

Interview: Sirko Salka

Peter Rehberg: „Boymen“, Männerschwarm 2011, 212 Seiten, 16 Euro

Lesung: 8.4., 20 Uhr, Eisenherz

 

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