Buch
Neue Textsammlung von Ronald M. Schernikau
Persönliche, subjektive Texte über den DDR-Schlager, Aids oder die Wende verzaubern vor allem Schernikau-Fans
© Frank Feiertag
SIS 30.12. 2009 – „Was macht eine Königin im Dreck?“ – Nicht nur dieser Frage geht der kürzlich erschienene Band „Königin im Dreck“ nach, der ein buntes Potpourri an Texten von Ronald M. Schernikau enthält. Der 1960 geborene Schriftsteller, der kurz vor dem Mauerfall nach Ostberlin übersiedelte, wurde 1980 über Nacht mit seiner „Kleinstadtnovelle“ berühmt und starb 1991 infolge von Aids.
Erstmals versammelt sind nun zahlreiche Kolumnen, Interviews, Essays, Nachrufe, Reden und Rezensionen des Autors, in denen er über seine Idole wie Gertrude Stein, Romy Schneider, Gisela Elsner oder Hildegard Knef schreibt. Doch gibt sich der leidenschaftliche Kommunist nicht minder politisch, wie in etlichen seiner Siegessäule-Beiträge aus den Jahren 1984–1987.
Ein Höhepunkt des Bandes ist das bissige „Über Schlager in der DDR“. Darin schildert Schernikau nicht nur, wie es dem Schlager und seinen Interpretinnen und Interpreten unter der rigiden SED-Kulturpolitik erging, sondern fasst auch sämtliche Oststars von Holger Biege bis Jürgen Walter in einem kleinen Lexikon zusammen.
Über Dagmar Frederic notiert er: „Dagmar ist spezialisiert auf Partnergesang und heiratet sie jeweils.“ Anschließend stellt er seine persönliche „DDR-Hitparade“ auf und analysiert seinen Lieblingsschlager „Abends in der Stadt“ von Chris Doerk und Frank Schöbel. Das ist nicht nur purer Trash, da steckt auch verdammt viel Herzblut drin. Ebenfalls enthalten ist Schernikaus berühmte Rede, die er ein Jahr nach dem Mauerfall auf dem Schriftstellerkongress der DDR hielt. „Was mich verblüfft, ist die vollkommene Wehrlosigkeit, mit der dem Westen Einlaß gewährt wird“, schreibt der damals 29-Jährige, am Verrat seiner Genossen verzweifelnd, um zugleich ein neues sozialistisches Selbstbewusstsein zu generieren.
Ebenso selbstbewusst stellt sich der Dichter in seiner Glosse „Fickt weiter!“ der Bedrohung durch Aids entgegen: „Wer jetzt aufhört zu ficken, sollte aufhören zu rauchen trinken essen arbeiten autofahrn spraydosen benutzen lackfarbe plastik radios kinos menschen.“ Manifestartige Worte wie diese waren typisch für den schillernden Schernikau, der laut seinem Biografen Matthias Frings Facetten in seiner Persönlichkeit vereinigte, die in Deutschland als unvereinbar gelten. Nicht zuletzt deshalb wird die Schernikau-Biografie „Der letzte Kommunist“ nun verfilmt. Thomas Keck, dem Herausgeber von „Königin im Dreck“, gelingt ein vielfältiger, aber auch sehr spezieller Band. Er zeigt Ronald M. Schernikau als Chronisten seiner Zeit, der zwar messerscharf beobachtet, sich aber nicht davor scheut, das Beobachtete subjektiv wiederzugeben. Daraus ergibt sich ein Mangel der Texte: Sie sind nur für Fans interessant.
Finn Bell
„Königin im Dreck", Verbrecher Verlag
mehr zu Schernikau: www.schernikau.net
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