Siegessäule - „Politik des Eros“: Homosexualität als superviriler Männerbund

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„Politik des Eros“: Homosexualität als superviriler Männerbund


Die Kulturhistorikerin Claudia Bruns über den Versuch, den Männerbund zum Staatsbegründer zu überhöhen

© Böhlau Verlag

SIS (2009) – Vor etwa 100 Jahren war das Phänomen der Homosexualität ein Skandal. Erst allmählich wurde aus der „Sünde der Sodomie“ eine von Medizinern klassifizierte eigene „homosexuelle Identität“. Der Kampf tobte vor allem zwischen zwei Modellen: Magnus Hirschfeld versuchte, Anerkennung für die Betroffenen zu erreichen, indem er sie als natürliches (wenn auch bemitleidenswertes) „Drittes Geschlecht“ zwischen Mann und Frau bezeichnete. Homosexuelle Männer hätten eine weibliche Seele im männlichen Körper. Dagegen wehrten sich Aktivisten um Adolf Brand, die auf der besonderen Männlichkeit des Schwulen beharrten und gerade damit seine kulturelle Bedeutung begründeten.

In dieser Runde behauptete man, dass die homoerotische Anziehung unter Männern nicht nur bedauernswerte Geschöpfe „in weiblichen Unterröcken“ hervorbringe, sondern am Ursprung der Kultur stehe und sogar den Staat zusammenhalte. Die Idee vom homoerotischen Männerbund war geboren. Sie fand um 1900 weit in die bürgerliche Gesellschaft hinein Beachtung, erschütterte den Staat in einer Reihe von Skandalen um den Beraterkreis von Kaiser Wilhelm II. und hielt die Jugendbewegung in Atem. Die Berliner Kulturhistorikerin Claudia Bruns hat sich in ihrem Buch „Politik des Eros“ vor allem der Entwicklung dieser Männerbund-Idee gewidmet. Im Mittelpunkt steht  der Schriftsteller Hans Blüher, der als „erster Chronist“ der Wandervogelbewegung gilt und nachdrücklich die Männerbund-Konzeption von Homosexualität vertrat. Er wollte Homosexualität vom Geruch der Verweichlichung, der Schwäche und des „Jüdischen“ befreien – und ihr zu einer Manifestation von Stärke, Brüderlichkeit und „germanischer Männlichkeit“ verhelfen. An die Stelle von familienfixierten „Weiblingen“ sollten „supervirile Männerhelden“ treten. Frauen und Juden sollten von politischer Partizipation ausgeschlossen sein, der Staat reine Männersache bleiben.

Diese Ideen, so abwegig sie heute erscheinen mögen, sprachen damals viele bürgerliche Männer an. Angesichts der erstarkenden Frauenemanzipation suchte man nach neuen Theorien, die den alleinigen Führungsanspruch von Männern im Staat auf moderne Weise verteidigten. Thomas Mann schwärmte von Blühers Staatstheorie und wollte sie für die Demokratie nutzbar machen. Freud hielt große Stücke auf Blühers Triebtheorie, gerade als er selbst über die kulturschaffende Kraft der „Brüderhorde“ nachdachte. Zu Beginn der 30er-Jahre übernahm NS-Chefideologe Alfred Baeumler die Idee vom Männerbund und erhob sie zur Grundlage der NS-Staatsideologie. Mit einem Unterschied: Er strich die umstrittene homoerotische Dimension heraus und ersetzte sie durch soldatische „Kameradschaft“. An dieser Stelle hätte man gern mehr darüber erfahren, wie genau die Männerbund-Theorie mit ihrer Frauenfeindlichkeit und ihrem Antisemitismus dem deutschen Nationalsozialismus den Weg bereitete. Hier wäre eine Fortsetzung wünschenswert.                        

Malte Göbel/aw

Claudia Bruns, Politik des Eros. Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur, 1880–1934, Böhlau Verlag, 545 Seiten, 44,90 Euro 


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