Buch
Rebellisch: Isherwood's „Löwen und Schatten"
Selbstkritische Memoiren des Literaten, der durch den Musicalfilm Cabaret, für den er den Bücherstoff lieferte, schlagartig bekannt wurde
© Archiv Christoph Isherwood
SIS im Mai 2010 – Es ist schon eine kauzige Laune der Literaturgeschichte, dass „Herr Issyvoo“, wie ihn die Zimmerwirtin vom Nollendorfplatz und die kessen Jungs aus der Adonis-Diele nannten, später erst über den Umweg des Musicalfilms „Cabaret“ weltbekannt wurde, der auf zwei seiner Bücher beruht. Sein Kollege Edmund White schrieb: „Wenn ich einen Kandidaten für die Heiligsprechung vorschlagen müsste, würde Isherwood – verschroben, unsicher, übertrieben ehrlich – meine Stimme bekommen.“
Der Brite wurde 1904 in die besten Kreise geboren, sein Vater war Offizier. „Löwen und Schatten“ ist eine ziemlich schonungslose, aber auch sensibel mitfühlende Darstellung seines Lebens bis zur Abreise nach Berlin, dem Bruch mit der Vergangenheit und ein (sexuell noch sehr diskretes) Gruppenbild der intellektuellen britischen jeunesse dorée. Traumatisierung erfolgte früh durch den Tod des Vaters im Ersten Weltkrieg; der ungeliebten Mutter setzte er 1928 gleich in seinem ersten Roman ein perfides Denkmal. Davor durchlief er die klassenüblichen Stationen: Public School und Cambridge, allerdings verließ er die Eliteuniversität willentlich ohne Abschluss. Diverse Jobs in London folgten, wo er dann auch Medizin studierte, abbrach und ein Bohemeleben führte. Die vier Jahre in Berlin schließlich waren ein künstlerisch, intellektuell und sexuell entscheidender Befreiungsschlag. Isherwood lebte von 1929 bis 1933 als Sprachlehrer in Berlin, zunächst in Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft, dann in Kreuzberg und später in Schöneberg, wo heute eine Gedenktafel an ihn erinnert. Danach kam die endgültige Übersiedlung in die USA: „Ich war ein großbürgerlicher Puritaner, vorsichtig, ein wenig geizig, nicht ohne Standesdünkel“ – aber eben auch ein Künstler, der sich finden musste. In seinen Memoiren beschreibt Isherwood diesen faszinierenden Prozess genau, ironisch und unerbittlich sich selbst gegenüber. Souveräne Beiläufigkeit und Komik mischen sich so aufs Unterhaltsamste.
Literarisch sieht er „Berichten. Protokollieren“ als seine „Pflicht“ an und er folgt bereits hier seinem berühmten Satz: „Ich bin eine Kamera, mit offenem Verschluss, nehme nur auf, registriere nur, denke nichts ...“ Gleichzeitig empfiehlt er jedoch, „Löwen und Schatten“ wie einen Roman zu lesen. Selbsterfindung beinhaltet auch immer Selbstinterpretation und Selbstdramatisierung, und bei der Schöpfung des Alter Egos „Christopher Isherwood“ schadete eine gute Portion narzisstischer Härte auf keinen Fall. Schließlich galt es, nicht nur das Handwerk des Schreibens zu lernen, sondern sich auch von den „bösartigen, sentimentalen Lügen“ der heuchlerischen „anderen“ (Heteros und allgemein Repräsentanten des Status quo) zu lösen.
Egbert Hörmann
Christopher Isherwood: „Löwen und Schatten – Eine englische Jugend in den zwanziger Jahren“, Berenberg Verlag, 240 Seiten, 25 Euro
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