Buch
Roland Barthes: Denker und Gepeinigter
Zwei neue Bücher beleuchten das Leben des Philosophen neu, sein Tagebuch und ein respektloses Enthüllungsbuch
© Ullstein Bild /SIPA Roland Barthes
SIS 3.3.2011 – Eine höhere Form des Inzests verband Roland Barthes (1915-1980), einer der größten französischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, mit seiner Mutter. Barthes war 62 Jahre alt, als seine Mutter 1977 starb, und die beiden hatten zu diesem Zeitpunkt 62 Jahre in einer Wohnung gelebt. Einen Tag nach dem Tod der Mutter notierte der Autor auf Zetteln in den nächsten zwei Jahren Trauer, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Depression, Dumpfheit, aber auch einen selbstschützenden Egoismus. Das luzide und rückhaltlose „Tagebuch der Trauer“ ist eine Art Liebesakt, Teil einer Verklärungs- und Erlösungsarbeit, ebenso eine Liebeserklärung an die verlorene Zeit (Barthes’ Idol Marcel Proust, der eine ähnlich enge Mutterbeziehung hatte, ist allgegenwärtig).
Eine höchst komplexe Beziehung im Spiegelkabinett der Identitäten: „Mam“ war Mutter, Gattin und am Ende auch Barthes’ Tochter; Barthes wiederum war Sohn, Gatte und am Ende dann seinerseits Mutter. Was von der Mutter bleibt, ist das unauslöschliche Bild eines kleinen Mädchens, ebenso die Erinnerung an Güte, Zärtlichkeit, Unschuld und bedingungsloses Zueinanderstehen. Ein bewegendes, anrührendes, schonungsloses Dokument.
Seine Homosexualität lebte Barthes nur nachts
Zwar pflegte Barthes mit „Mam“ eine außergewöhnliche Intimität, aber seine ausgeprägte Homosexualität hielt er – wohl in einer milieu- und generationsbedingten Konspiration des diskreten Verschweigens – völlig von ihr fern. Daher auch die Tag- und die Nachtseite des Philosophen: Jean Genet unterschied so den „Barthes der Lehnsessel“ von jenem der „Knabenbordelle“. Das Enthüllungsbuch „Der langsame Tod des Roland Barthes“ von Hervé Algalarrondo ist erfrischend indiskret, anzüglich parfümiert, angemessen respektlos („Dieser verehrte Meister ist bloß ein schlittschuhlaufender Esel auf schmelzendem Eis.“) und beschreibt Barthes’ Karriere, Privatleben, Liebes- und Sexlife (er bevorzugte „Sex light”) und sein Ringen um den großen Roman, den er nie schrieb. Als Parallelfamilie fungierte ein Kreis junger, schwuler Intellektueller, die im Hörsaal eine ebenso gute Figur machten wie in der Edeldisco „Palace“.
Die letzten Jahre bis zum Unfalltod waren einerseits für den Meisterdenker „eine von Büchern und Einsamkeit genährte Vornehmheit“. Andererseits verfiel Barthes (für den intimen Kreis „Mamie“), der nach dem Tod der Mutter kein Coming-out hatte, zusehends in eine Art sexueller Raserei: „Voyeur im Palace, Aufreißer im Café Flore“. Er spielte sogar verzweifelt mit dem Gedanken, eine Frau zu heiraten, aber am Ende blieb dieses familiäre Netzwerk junger Männer sein wertvollstes Gut. Egbert Hörmann
Roland Barthes: „Tagebuch der Trauer“, Hanser, 271 Seiten, 21,50 Euro
Hervé Algalarrondo: „Der langsame Tod des Roland Barthes“, Parthas Berlin, 223 Seiten, 19,80 Euro
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