Buch
„Schreiben über Film“: überfällige Hommage an Karsten Witte
Das Buch ist eine – zu Recht – fachliche Liebeserklärung, leider fehlen aber wichtige biographische Details
SIS 15.11.2010 – Allgemeinbildung, Beobachtungsgabe, sprachlicher Witz: Unzählige Kritiker haben das aufzuweisen. Aber kaum jemand setzte dies so bescheiden, unaufdringlich und sympathisch um wie der 1944 geborene, 1995 verstorbene Karsten Witte. Ein Buch über ihn war längst fällig, und die Herausgeberin Stefanie Diekmann hat, unterstützt von 14 AutorInnen, hervorragende Arbeit geleistet. In einem Beitrag erinnert Cristina Nord daran, „wie viel Substanz er in einer Filmkritik verstauen konnte und wie elegant er diese Fülle an Wissen und Argumenten vermittelte.“ Genau diese Qualität zeichnet auch das Buch aus. Es ist relativ dünn und doch reichhaltig. Der Titel „Schreiben über Film“ erklärt, warum Wittes Literaturkritiken nicht behandelt werden, kein schwer wiegendes Manko, da seine Filmkritiken häufig mit Literaturkritik gekoppelt waren.
Für eine umfassende Würdigung enthält das Buch zu wenig Persönliches
Gerade wegen der Themenfülle sind ein paar unverständliche Lücken zu beklagen. Das Buch enthält nichts Biografisches, nicht einmal eine Zeittafel mit Lebensdaten. Obwohl Karsten Witte offen schwul und seine HIV-Infektion kein Geheimnis war, fällt kein Wort darüber. Das könnte man bei einer trockenen Werkanalyse hinnehmen. Aber das Buch ist eine Liebeserklärung unter Beteiligung von Freundinnen: Wittes Urlaubskarten an Ulrike Ottinger sind farbig abgedruckt, wiederholt erwähnt er einen Mann an seiner Seite. Warum dann die Verschwiegenheit in den Beiträgen? Die Texte vermitteln das Bild eines keuschen Akademikers, der außer ein paar mütterlichen Freundinnen keine sozialen Kontakte pflegt. Man erfährt in einem Nebensatz, er habe ursprünglich Lehrer werden wollen, aber nicht, was für großartige Seminare er bis kurz vor seinem Tod an der FU gehalten hat, immer neugierig auf abweichende Ansichten seiner Studenten.
Witte war streitlustig mit der Betonung auf „lustig“. Seine Ideologiekritik war niemals verbissen oder ressentimentgeladen. Wie sein Idol Pier Paolo Pasolini besaß er den Mut, sich zwischen alle Stühle zu setzen. Als an der FU ein Seminar über die lesbische Filmemacherin Chantal Akerman angeboten und männlichen Studenten die Teilnahme verweigert wurde, erhob nur Witte Einspruch, während die anderen Professoren feige und beschämt beiseite blickten. Witte war als Autor und als Mensch ein Rollenmodell. Deshalb kann man nur hoffen, dass dieses schöne Buch nicht das letzte über ihn ist.
Frank Noack
Stefanie Diekmann (Hg.): „Schreiben über Film. Hommage an Karsten Witte“, Kulturverlag Kadmos Berlin, 192 Seiten, 19,90 Euro
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