Buch
Silvia Bovenschen: Spiel mit Stolpersteinen
Ihr Buch „Wer weiß was?“ ist ein bisschen Krimi, ein bisschen Satire und noch viel mehr – hier die Autorin im Interview
© Jürgen Bauer Literaturwissenschaftlerin und Autorin Silvia Bovenschen
SIS 2.2.2010 – Die Literaturwissenschaftlerin und hochgelobte Essayistin Silvia Bovenschen (bekannt geworden unter anderem mit „Die imaginierte Weiblichkeit“) hat sich mit ihrem Buch „Wer weiß was“ einem neuen Genre zugewandt: Dem Kriminalroman. Oder doch nicht? Interview mit der Autorin über das bewusste Spiel mit den Genres.
SIS: Als ich das Buch las, hab ich gedacht: „Das ist kein Krimi.“
Silvia Bovenschen: Das habe ich mehrfach gehört, und wer so an das Buch herangeht, ist sicher enttäuscht. Aber es heißt ja auch nicht Krimi, es heißt ‚Eine deutliche Mordgeschichte’. Wenn ich einen ausgesprochenen Hardcore-Krimi hätte schreiben wollen hätte das anders ausgesehen. Nein. Es ging mir schlicht darum, eine unterhaltsame vordergründige Geschichte zu haben.
SIS: Die in Ihnen vertrauten Gefilden spielt.
SB: Natürlich. Das Universitätsmilieu kenne ich sehr gut. Und ich ironisiere das zwar, aber ich bin das in allen Figuren zu einem gewissen Grad auch selbst. Meine Freude und Lust an diesem Buch war, dass ich spielen konnte – mit den Genres, mit den Gattungen. Der Kriminalroman ist einfach nur das Trägersystem.
SIS: Das ist zu spüren. „Wer weiß was“ wirkt in weiten Teilen wie eine große Stilübung, ein begeistertes Erkennen der unendlichen Möglichkeiten eines Romans.
SB: Ja, und es sollte auch ein bisschen witzig sein. Aber dahinter steht auch die Frage, warum wir uns eigentlich in Fernsehspielen und Kriminalromanen dauernd mit Leichen beschäftigen wollen. Ich wollte den emotionalen Abstand zum Tod und zur Leiche unterbringen. Doch vor allem geht es im Buch um das Verhältnis der Leute, das sie zu diesem Thema haben, und wie sie darüber sprechen.
SIS: Jeder kreative Mensch kennt den inneren Zensor. Den abzuschalten ist angeblich die große Kunst. Sie haben ihm in „Wer weiß was“ Raum gelassen.
SB: Ja, ich wollte, dass viele Blicke auf das Geschehen kommen. Deshalb gibt es eine Art Chor, den die Rezensionen Außerirdische nennen und der immer wieder einen objektiven Stand referiert. Zudem: man ist nie alleine, wenn man schreibt. Um mich herum stehen immer fünf, sechs Leute, die mir sagen: Das kannst du nicht machen, dieses Verb kannst du nicht nehmen usw. Warum also nicht einfach diese Einsprüche – von wem auch immer sie kommen – im Roman drin lassen?
SIS: In ihrem Roman soll man sich also über höhere Wesen wundern und über Alternativvorschläge für Verben in Klammern stolpern ...
SB: Es gibt massenhaft Literatur, die die Mühelosigkeit belohnt, in der alles aufgelöst wird und man niemals stolpert oder irritiert ist. Ich finde es auch nicht schlimm, wenn Menschen das lieber mögen. Aber ich hatte die Hoffnung, dass es welche gibt, die auch das Stolpern mögen – und die scheint sich erfüllt zu haben.
Trotz aller Verspieltheit geht es in meinen Buch um ernste Themen, um Glück, um Erbarmen. Das ist in Deutschland nicht üblich: Hier will man eine Unterscheidung – entweder es ist lustig, dann ist es nicht ernst zu nehmen oder es ist tragisch, dann muss es vom ersten Moment an diesen düsteren Ton haben. Aber ganz ehrlich: Mir ist das letztendlich völlig egal. Ich mache sowieso, was ich machen möchte, und dann freut es mich, wenn ich Leute finde, die es mögen und wenn nicht, ist es für mich auch kein Unheil.
Interview: Tania Witte
Silvia Bovenschen, „Wer weiß was?“, Fischer Verlag
zurück
Weitere Artikel dieser Rubrik
- „Slalom“: Ringen um Akzeptanz
- KZ in Deutschland, Glück in Frankreich – Rudolf Brazdas Leben
- Matthias Frings über seinem neuen Roman
- Tage im Dämmer, Nächte im Rausch: Buch von Werner Schroeter
- Queerness aus Mechanikersicht: „Als das Cello vom Himmel fiel“
- „Nein, wir bleiben blöd!“ – Peter Rehberg über Schwule ab 40
- Was kommt nach der Liebe?
- Ralf König und seine Knollennasen im Heimathafen Neukölln
- Erneuerte Safer Sex Broschüre für Lesben
- Berliner Stadtgeschichten: „beziehungsweise liebe“
- 1945 und die fehlende Stunde Null danach
- Roland Barthes: Denker und Gepeinigter
- Frida Kahlos Leben neu erzählt
- Das millionenschwere Testament des schwulen Schriftstellers
- Ballettmeister Neumeier im Porträt
- Was wir schon immer über Sex wissen wollten
- Schwuler Roman von Jack Kerouac und William S. Burroughs
- Donald Windhams „Zwei Menschen“ ist ein schwuler Klassiker
- „Tödliche Aussicht“: schwule Zickereien, Neid und Todesfälle
- „Irgendwo auf der Welt ...“ hebt vergangene Schätze
- Sara Stridsberg: „Nur der Himmel ist eine Begrenzung“
- „Mein schwules Auge 7“: schwules Füllhorn
- „Städte aus Frauen“: Moderne trifft Tradition
- „Herzbesetzer“: zu viele Plattitüden um den schwulen Plot
- „Frauengeschichten“: spannende historische Details
- Überzeugender Debütroman: „Der beste Teil der Menschen“
- Die Tagebücher von Fritz J. Raddatz: der Wahnsinn der BRD
- „Positiv“ zeigt die heutige Realität von Aids und HIV
- „Zwei Lieben" erzählt von schwulem KZ- und Nachkriegsleben
- „Landlust“: Die Großstadt ist die wahre Wildnis
- „Der andere Garten“: brillantes Meisterwerk
- „Schreiben über Film“: überfällige Hommage an Karsten Witte
- „111 Gründe, offen zu lieben“: Horizonterweiterung
- Triumph des Lebendigen: neue Lyrik von Mario Wirz
- „Heiße Schokolade“: schwules Coming-out in Marokko
- „Geschichte der Freundschaft“: schwuler Balanceakt
- „Piratenherz“: Erzählungen mit scharfer Kante
- Morde, Abgründe, toughe Frauen: lesbischer Krimiherbst
- „Parties“: Boheme vor dem Schwarzen Freitag
- „Die stille Gewalt der Träume“: eindrucksvolle Studie Südafrikas
- Hochklassige Literatur über eine versteckte Liebe
- Mehr Stoff von erlesener lesbischer Hand
- Südafrika, der bunte Kontinent – differenziert beschrieben
- „Zwei Lieben:“ Gegen das schwule Vergessen
- „Endstation Russland“: Fremd im eigenen Land
- „Lange Nächte Tag“: Was verträgt die Liebe?
- Seelengleiche: Patti Smith und Robert Mapplethorpe
- Debüt: Surmanns „Die Schwerelosigkeit der Flusspferde"
- Rebellisch: Isherwood's „Löwen und Schatten"
- „Blaue Augen bleiben blau" – Buschbaum ist trotzdem Klischee
- Überaus spannend: „Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens“
- Eiskalt: Mit „Anleitung zum Mord“ gibt Christoph Wildt sein Debut
- „Das Tomatensaft-Mysterium“: Thomas Hermanns übers Fliegen
- „Aus Angst“: Maria Plasbergs zweiter Fall
- Miriam Meckel stellte ihr Buch „Brief an mein Leben“ vor
- Bunte Welten: Kinderbücher über Regenbogenfamilien
- „Brief an mein Leben ...", Autobiografisches nach dem Burnout
- Dandy in Aspik: Rupert Everetts Buch über „Rote Teppiche und andere Bananenschalen“
- „Die Königsfälschung“: Skandalgeschichte aus dem homosexuellen französichen Königshaus
- „Der Angler des Zufalls": artistische Prosa von Christoph Geiser
- „Chinatown": lesbische Liebe im Hamburg der 20er
- Neue Textsammlung von Ronald M. Schernikau
- Wolfgang Joop: „Ich kann noch nicht mal einen Knopf annähen”
- Spieler unter sich: Teil zwei von Cornelia Jönssons SM-Trilogie
- „Lesbisches Engagement in Ostberlin 1978-1989"
- „Verzaubert in Nord-Ost“: Endlich erzählte Geschichte
- „Atemschaukel" von Nobelpreisträgerin Herta Müller
- Im Tal der Ahnungslosen: Die Vulva
- Das Fazit aus 13 Jahren Sexdienstleisung: „Fucking Germany“
- Der göttliche Dandy: „Dandy in der Unterwelt“
- Who is it? Zwei Werke über Michael Jackson
- Getrieben von den Trieben: Rosa von Praunheims "Rosas Rache"
- "Was geschah während wir schliefen" von Noémi Kiss
- Lustig, schräg, politisch: Pelham Grenville Wodehouse
- Lesbische Trivialerotik: „Alicia“ von Ulrike Voss
- Auf der Suche nach Mr. Straight
- Jagdfieber: „Frauen und andere Raubtiere“ von Pat Califia
- Neues von Judith Butler: „Die Macht der Geschlechternormen“
- Tipp: „Sie liebt sie“ von Felice Newman
- Neuauflage "Die Knaben" von Henry de Montherlant
- „Das Fischkind" ist ein roher und zugleich magischer Roman
- „Die Prophetenmorde“: Erfolgreich-verrückte Thriller-Serie
- Tierschützer Dan Mathews Biographie macht Spaß
- „Die Frau im Turm“ arbeitet Zeitgeschichte auf
- „Politik des Eros“: Homosexualität als superviriler Männerbund
- „Foucalt. Der Philosoph als Samurai“ erklärt Foucaults Ideen
- Michael Flotho und der Streisand
- „Fragen Sie mich nicht, wie einsam ich bin“
- Liebling der Gemeinde – Barbra Streisand
- „Der letzte Prinz" – Peter Hofmann im Interview
- Kirchenkrimi und Liebesgeschichte: „Confiteor“
- „Liebe vielleicht", federleichter Sommerroman
- Tipp: der „Nix“ bald in einer sehr schönen Hörbuchfassung!
- „Etwas Kleines gut versiegeln", Svealena Kutschke brilliert!
- "Der letzte Kommunist": Matthias Frings über Ronald M. Schernikau
- Carmen Bregy debütiert mit "Im Stillen umarmt"
- Tipp: „Die Eignung“ von Michael Sollorz
- "Ziffer und die Seinen", ein haarsträubender Roman
- „Keine Tochter aus gutem Hause“: Johanna Elberskirchen
- Queere Büchernacht zappte durchs Literaturuniversum
- Augusten Burroughs und David Sedaris
- Hans Pleschinski: „Ludwigshöhe“
- „Ich reiß mir eine Wimper aus, ...“
- Thomas Hermanns: "Für immer d.i.s.c.o."
- Umtriebe auf der Oranienstrasse: 11. Lange Buchnacht, 16.5.
- "Idealismus reicht heute nicht mehr!" – auch das schwullesbische Buchgeschäft wird härter
- „Meschugge - eine fast perfekte Familie“
- „Die Kerzenscheinphobie“
- „Nachtfieber“
- Biographie über die Mendelssohns
- Krimi: Der nasse Fisch
- Chronik der Schwulen
- Drag King Träume
- Buch „Kindsköpfe“
- Buch „Sex und die Gitti“






