Buch
Thomas Hermanns: "Für immer d.i.s.c.o."
Gute-Laune-Schmöker über den Disco-Rausch und Thomas Herrmanns' Coming-out
© Stephan Pick
SIS im Februar 2009. Thomas Hermanns hat recht: Uriah Heeps „Lady in Black“ gehört zu den schlimmsten Songs aller Zeiten, so wie „D.i.s.c.o.“ von der Band Ottawan. Umso erstaunlicher, dass der Entertainer selbst diesen musikalischen Irrtümern so viel Lustiges abgewinnen kann. „Für immer d.i.s.c.o.“ ist ein mit Anekdoten reich gespickter Streifzug durch die Discomusik der 70er- und frühen 80er-Jahre sowie einige störende Nebengeräusche aus Pop und Rock jener Zeit. Zugleich ist es Hermanns’ Coming-out-Ge-schichte in der Provinz: Nürnberg- Lang- wasser, in Beton gegossene Hochhaus-Vorortsiedlung der fränkischen Metropole. Biografisches vermischt der 1963 eigentlich in Bochum geborene Begründer des Quatsch-Comedy-Clubs mit Zahlen und Fakten vom Siegeszug der Discomusik. Auf ihrem Durchmarsch an die Spitzen der Charts hatte die Discomucke durchaus mit Widerständen zu kämpfen. Etwa in Form von Hermanns Jugendfreund Norbert, der dessen ersten Kauf einer Single (Titel wird hier nicht verraten!) mit den Worten „Horch Doomas, des is fei Dissgo Mussik!“ kritisch kommentiert. Hier ahnt man, dass das Bekennen zum eigenen Musikgeschmack so vertrackt war wie das Bekenntnis zur Sexualität. Doch unbeirrt findet Thomas Hermanns schließlich den Weg in sein persönliches „Studio 54“: die Nürnberger Schwulendisco „Sonnige Pfalz“.
Als Autor ähnelt Hermanns dem Moderator des Grand Prix: Galant präsentiert er (Interview-)Gäste von Gloria Gaynor bis Sis-ter Sledge, streut Wissen ein wie „Warum Disco Disco heißt“ und schießt nur mit der mäßig spaßigen Anleitung zum Tanzen des Hermanns-Hustle mal übers Ziel hinaus. Für Leserinnen und Leser über 40 besitzen die Erinnerungen hohen Wiedererkennungswert. Nicht nur, dass einem beim Lesen all der Starnamen von Silver Convention, Tina Charles oder Amanda Lear das Ohr zu rauschen beginnt. Braune Samtanzüge, Jugenddiscos im Club Robinson oder die erste Erektion beim Anblick vom Sänger von Hot Chocolate sind kollektive Phänomene dieser Generation. Die Jüngeren können genüsslich von einer Zeit erfahren, die im versuchten Ausbruch aus der Enge des Alltags im Nachhinein nicht nur ästhetisch zu höchst eigenartigen Resultaten kam.
Und trotzdem lag in der Discomusik, so ein Fazit von Hermanns, immer auch die Vision einer anderen Haltung zum Leben: „Disco ist der Sound, der sich nicht unterkriegen ließ, genauso wenig wie die Emanzipationskämpfe von Schwarzen, Schwulen und Frauen. Der Sound, der nicht diskriminiert, sondern alle einlädt in den globalen, funkelnden Tanzpalast, und der immer im großen Stil Liebe und Sexualität feiert, denn You Make Me Feel Mighty Real.“ „Für immer d.i.s.c.o.“ erzählt Geschichte(n) einer vergangenen Zeit. Selbst wenn DJs heute die Schmachtfetzen der 70er samplen, „It’s Raining Men“ Heteros wie Homos immer noch auf die Tanzfläche rennen lässt, wenn Plateauschuhe wieder „in“ sind – es ist doch nur Retro. Material, das im gigantischen Durchlauferhitzer einer Musikindustrie erneut nach oben gespült wird, um an der Wiederverwertung neu zu verdienen. Strukturkritik der Medienbranche ist Hermanns’ Sache nicht. Sein Buch ist im Lebensgefühl der 70er, und deren zentrale Botschaft besitzt dann doch zeitlose Gültigkeit: „I Feel Love“.
Rainer Hörmann
zum Interview mit Thomas Hermanns
Thomas Hermanns, „Für immer d.i.s.c.o.“, Scherz Verlag 2009, 272 Seiten, 18,95 Euro – auch als Hörbuch im Argon Verlag, 4 CDs, 19,95 Euro
zurück
Weitere Artikel dieser Rubrik
- „Slalom“: Ringen um Akzeptanz
- KZ in Deutschland, Glück in Frankreich – Rudolf Brazdas Leben
- Matthias Frings über seinem neuen Roman
- Tage im Dämmer, Nächte im Rausch: Buch von Werner Schroeter
- Queerness aus Mechanikersicht: „Als das Cello vom Himmel fiel“
- „Nein, wir bleiben blöd!“ – Peter Rehberg über Schwule ab 40
- Was kommt nach der Liebe?
- Ralf König und seine Knollennasen im Heimathafen Neukölln
- Erneuerte Safer Sex Broschüre für Lesben
- Berliner Stadtgeschichten: „beziehungsweise liebe“
- 1945 und die fehlende Stunde Null danach
- Roland Barthes: Denker und Gepeinigter
- Frida Kahlos Leben neu erzählt
- Das millionenschwere Testament des schwulen Schriftstellers
- Ballettmeister Neumeier im Porträt
- Was wir schon immer über Sex wissen wollten
- Schwuler Roman von Jack Kerouac und William S. Burroughs
- Donald Windhams „Zwei Menschen“ ist ein schwuler Klassiker
- „Tödliche Aussicht“: schwule Zickereien, Neid und Todesfälle
- „Irgendwo auf der Welt ...“ hebt vergangene Schätze
- Sara Stridsberg: „Nur der Himmel ist eine Begrenzung“
- „Mein schwules Auge 7“: schwules Füllhorn
- „Städte aus Frauen“: Moderne trifft Tradition
- „Herzbesetzer“: zu viele Plattitüden um den schwulen Plot
- „Frauengeschichten“: spannende historische Details
- Überzeugender Debütroman: „Der beste Teil der Menschen“
- Die Tagebücher von Fritz J. Raddatz: der Wahnsinn der BRD
- „Positiv“ zeigt die heutige Realität von Aids und HIV
- „Zwei Lieben" erzählt von schwulem KZ- und Nachkriegsleben
- „Landlust“: Die Großstadt ist die wahre Wildnis
- „Der andere Garten“: brillantes Meisterwerk
- „Schreiben über Film“: überfällige Hommage an Karsten Witte
- „111 Gründe, offen zu lieben“: Horizonterweiterung
- Triumph des Lebendigen: neue Lyrik von Mario Wirz
- „Heiße Schokolade“: schwules Coming-out in Marokko
- „Geschichte der Freundschaft“: schwuler Balanceakt
- „Piratenherz“: Erzählungen mit scharfer Kante
- Morde, Abgründe, toughe Frauen: lesbischer Krimiherbst
- „Parties“: Boheme vor dem Schwarzen Freitag
- „Die stille Gewalt der Träume“: eindrucksvolle Studie Südafrikas
- Hochklassige Literatur über eine versteckte Liebe
- Mehr Stoff von erlesener lesbischer Hand
- Südafrika, der bunte Kontinent – differenziert beschrieben
- „Zwei Lieben:“ Gegen das schwule Vergessen
- „Endstation Russland“: Fremd im eigenen Land
- „Lange Nächte Tag“: Was verträgt die Liebe?
- Seelengleiche: Patti Smith und Robert Mapplethorpe
- Debüt: Surmanns „Die Schwerelosigkeit der Flusspferde"
- Rebellisch: Isherwood's „Löwen und Schatten"
- „Blaue Augen bleiben blau" – Buschbaum ist trotzdem Klischee
- Überaus spannend: „Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens“
- Eiskalt: Mit „Anleitung zum Mord“ gibt Christoph Wildt sein Debut
- „Das Tomatensaft-Mysterium“: Thomas Hermanns übers Fliegen
- „Aus Angst“: Maria Plasbergs zweiter Fall
- Miriam Meckel stellte ihr Buch „Brief an mein Leben“ vor
- Bunte Welten: Kinderbücher über Regenbogenfamilien
- „Brief an mein Leben ...", Autobiografisches nach dem Burnout
- Dandy in Aspik: Rupert Everetts Buch über „Rote Teppiche und andere Bananenschalen“
- Silvia Bovenschen: Spiel mit Stolpersteinen
- „Die Königsfälschung“: Skandalgeschichte aus dem homosexuellen französichen Königshaus
- „Der Angler des Zufalls": artistische Prosa von Christoph Geiser
- „Chinatown": lesbische Liebe im Hamburg der 20er
- Neue Textsammlung von Ronald M. Schernikau
- Wolfgang Joop: „Ich kann noch nicht mal einen Knopf annähen”
- Spieler unter sich: Teil zwei von Cornelia Jönssons SM-Trilogie
- „Lesbisches Engagement in Ostberlin 1978-1989"
- „Verzaubert in Nord-Ost“: Endlich erzählte Geschichte
- „Atemschaukel" von Nobelpreisträgerin Herta Müller
- Im Tal der Ahnungslosen: Die Vulva
- Das Fazit aus 13 Jahren Sexdienstleisung: „Fucking Germany“
- Der göttliche Dandy: „Dandy in der Unterwelt“
- Who is it? Zwei Werke über Michael Jackson
- Getrieben von den Trieben: Rosa von Praunheims "Rosas Rache"
- "Was geschah während wir schliefen" von Noémi Kiss
- Lustig, schräg, politisch: Pelham Grenville Wodehouse
- Lesbische Trivialerotik: „Alicia“ von Ulrike Voss
- Auf der Suche nach Mr. Straight
- Jagdfieber: „Frauen und andere Raubtiere“ von Pat Califia
- Neues von Judith Butler: „Die Macht der Geschlechternormen“
- Tipp: „Sie liebt sie“ von Felice Newman
- Neuauflage "Die Knaben" von Henry de Montherlant
- „Das Fischkind" ist ein roher und zugleich magischer Roman
- „Die Prophetenmorde“: Erfolgreich-verrückte Thriller-Serie
- Tierschützer Dan Mathews Biographie macht Spaß
- „Die Frau im Turm“ arbeitet Zeitgeschichte auf
- „Politik des Eros“: Homosexualität als superviriler Männerbund
- „Foucalt. Der Philosoph als Samurai“ erklärt Foucaults Ideen
- Michael Flotho und der Streisand
- „Fragen Sie mich nicht, wie einsam ich bin“
- Liebling der Gemeinde – Barbra Streisand
- „Der letzte Prinz" – Peter Hofmann im Interview
- Kirchenkrimi und Liebesgeschichte: „Confiteor“
- „Liebe vielleicht", federleichter Sommerroman
- Tipp: der „Nix“ bald in einer sehr schönen Hörbuchfassung!
- „Etwas Kleines gut versiegeln", Svealena Kutschke brilliert!
- "Der letzte Kommunist": Matthias Frings über Ronald M. Schernikau
- Carmen Bregy debütiert mit "Im Stillen umarmt"
- Tipp: „Die Eignung“ von Michael Sollorz
- "Ziffer und die Seinen", ein haarsträubender Roman
- „Keine Tochter aus gutem Hause“: Johanna Elberskirchen
- Queere Büchernacht zappte durchs Literaturuniversum
- Augusten Burroughs und David Sedaris
- Hans Pleschinski: „Ludwigshöhe“
- „Ich reiß mir eine Wimper aus, ...“
- Umtriebe auf der Oranienstrasse: 11. Lange Buchnacht, 16.5.
- "Idealismus reicht heute nicht mehr!" – auch das schwullesbische Buchgeschäft wird härter
- „Meschugge - eine fast perfekte Familie“
- „Die Kerzenscheinphobie“
- „Nachtfieber“
- Biographie über die Mendelssohns
- Krimi: Der nasse Fisch
- Chronik der Schwulen
- Drag King Träume
- Buch „Kindsköpfe“
- Buch „Sex und die Gitti“






