Buch
Überaus spannend: „Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens“
Das Buch ist lesbische Mentalitätsgeschichte, liebevoll erzählte Historie und ein Porträt frauenliebender Frauen Anfang des 19. Jahrhunderts
© Insel Verlag Adele Schopenhauer
SIS 15.4.2010 – Adele Schopenhauer ist eine der Schwestern berühmter (frauenfeindlicher) Männer, die nach Thomas Mann „als geschwätziges altes Mädchen zu hässlich gewesen sei, um einen Mann zu finden“. Entgegen diesen Beschreibungen war sie eine der wenigen unverheirateten Frauen, die als Tochter der Salondame und Romanautorin Johanna Schopenhauer eine umfassende Bildung besaß, als Künstlerin Scherenschnitte anfertigte und als Schriftstellerin publizierte.
In Köln lernte sie die „Rheingräfin“ oder „Principessa tedesca" Sibylle Mertens-Schaffhausen kennen, die selbst berühmte Salons in Bonn und Rom hielt und als Mäzenin Kunst und Kultur unterstützte. Sie war Antikensammlerin und die erste anerkannte Altertumswissenschaftlerin Deutschlands. Die Komponistin und Musikerin begleitete die großen Diven ihrer Zeit. Als Demokratin trat sie für die Märzrevolution und für Frauenrechte ein. Wie fast alle höheren Töchter wurde sie an einen ungeliebten Mann verheiratet, der sie mitsamt den sechs Kindern stark beeinträchtigte und ihre Frauenfreundschaften missbilligte.
Wegen einer Liebhaberin der Ehefrau konnte damals aber keine Scheidung erfolgen, und so pflegte sie ihre Beziehung nicht nur zu Adele, mit der sie Nähe und Distanz übte, denn: „Jede Freundschaft so wie jede Liebe wird zuletzt eine Art von Ehe, in welcher man di tempo a tempo sich in der moralischen Nachtmütze sieht!“ Wir erfahren Geschichten über den „kleinen schwarzen Araber“, wie Sibylle von Annette von Droste-Hülshoff genannt wurde, die entgegen dem überlieferten keuschen Bild weitaus leidenschaftlicher und erotischer und später auch Adele innigst zugewandt war. Goethe wird als Mensch beschrieben, den androgyne Frauen faszinieren und der in Adele eine Tochter und in den beiden Frauen geistreiche Kolleginnen findet. Seine lebenslustige Schwiegertochter Ottilie ist Adeles erste große Jugendliebe und wird über all deren heterosexuelle Affären hinweg beste Freundin bleiben. Auch die englische Schriftstellerin und Vorreiterin der alten Frauenbewegung, Anna Jameson, die Frauen zum Hauptthema ihrer erfolgreichen Bücher machte, war Ottilie verfallen und Sibylle nicht abgeneigt. Letztere wiederum ließ sich von der italienischen Adeligen Laura Spinola entzücken, während sie Adele brieflich die Natur beschreibt.
Polyamouröse Liebschaften, wie wir sie erst von den radikal selbstbestimmten Frauen der nächsten Generation kennen, denn Frauenbeziehungen hatten bis dahin noch keinen Namen. Literaturwissenschaftlerin Angela Steidele hat viele unveröffentlichte Quellen gelesen und ganze Passagen eingefügt, um den sozial bedeutsamen Wandel von Frauenbeziehungen im 18. Jahrhundert anschaulich zu machen. Noch 1721 wurde eine Frau unter dem Namen Anastasius Rosenstengel wegen sogenannter Unzucht hingerichtet. „In Männerkleidern“ heißt auch die von Angela Steidele geschriebene Biografie über die Dildo tragende Frau, die ebenso lesenswert ist wie dieses informative und spannende Buch, mit dem wieder ein Stück Herstory aufgearbeitet wurde.
Laura Méritt
Angela Steidele, „Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens“, Insel Verlag, 334 Seiten, 24,80 Euro
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