Buch
Wolfgang Joop: „Ich kann noch nicht mal einen Knopf annähen”
Perfekte Feiertagslektüre: Mit „Wunderkind” ist eine opulente Autobiografie des Künstlers und Modedesigners erschienen
© Joop
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SIS 25.12.2009 – „Ich kann nicht schneidern, bis heute nicht”, sagte Wolfgang Joop bei der Buchvorstellung im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann Mitte November. „Ich kann noch nicht mal einen Knopf annähen.” Damit würde er heute an keiner Modeschule zugelassen … Trotzdem hat er es als Modedesigner auf die internationalen Laufstege geschafft.
Wolfgang Joops Autobiografie ist gerade erschienen. Reich bebildert aus Privatarchiven der Familie Joop und Freunden des Modedesigners zeigt sie ein facettenreiches Bild der gesamten Branche und natürlich des Privatmenschen. Texte und Bilder zeigen den langen Weg vom freien Illustrator, Modezeichner, Auftragsdesigner bis hin zur Gründung der weltweit bekannten Marke „Joop!”. Die internationalen Werbekampagnen mit den Supermodels der 80er-Jahre wie Claudia Schiffer, Stella Tennant, Nadja Auermann und dem ersten deutschen Supermodel Veruschka bestimmten die Modefotografie, ja die Modegeschichte. Auch wenn die Mode an sich nicht immer den Vorstellungen Wolfgangs entsprach.
Seiner eigenen Kreativität konnte er erst mit dem zweiten Label „Wunderkind” freien Lauf lassen – nachdem er seine Marke „Joop!” und mit ihr seinen Namen verkauft hatte. Diesem Lebensabschnitt ist deshalb auch fast die Hälfte des 5,2 Kilogramm schweren Schmökers gewidmet. Zahlreiche Laufstegfotos, Backstagebilder, Moodboards und Entwurfsskizzen zeigen die gewaltige schöpferische Kraft des Wunderkinds, welche die „Joop!”-Zeit bei weitem übertrifft. „Exzentrisch und sophisticated” heißt es im Kapitel „07“ über „Wunderkind“.
Den kleinsten, aber nicht weniger interessanten Teil, nehmen Kindheit und Jugend ein, in der das schwierige Verhältnis zu seinem Vater erklärt wird. Neben Joop selbst kommen auch viele seiner Weggefährten und Familienangehörige zu Wort. Seine Mutter Charlotte spricht über das „Familientier” Joop und über ihren Umgang mit der Homosexualität des Sohnes. Bekannte Persönlichkeiten wie Claudia Schiffer und Nadja Auermann oder der Künstler Neo Rauch sprechen über den Freund, Nachbarn, Künstlerkollegen, Modedesigner, Chef. „Ich habe nichts redigiert, kaschiert oder retouchiert”, sagt Wolfgang Joop. „Musste das sein”, sollen Familienangehörige dazu gesagt haben.
Er selbst wäre nicht auf die Idee einer Autobiografie gekommen „Ich fühlte mich noch zu infantil und zu kindisch, so eine Rückschau zu machen.” Offensichtlich konnte er vom Gegenteil überzeugt werden und sagt, ohne dabei überheblich zu klingen: „Ich finde, dass ich ein seltsames Stück deutsche Geschichte bin.” Überhaupt betont die Autobiografie immer wieder seine preußische Herkunft. Umso bitterer die Pille, die der deutsche Modekosmos schlucken muss, dass das Wunderkind nämlich immer noch nicht seine Mode auf der Fashion Week in Berlin zeigt. Das Buch ist trotzdem und auf jeden Fall sehens- und lesenswert für jeden, der sich für Joop, für Mode, für Kunst oder alles zusammen interessiert.
Annemarie Gassen
WUNDERKIND. 14467 POTSDAM | Inga Griese und Edwin Lemberg (Hrsg.) Collection Rolf Heyne | 5,2 Kilo | 560 Seiten | ca. 600 Abb.
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