Buch
„Zwei Lieben:“ Gegen das schwule Vergessen
Rainer Vollaths Roman skizziert die zwei Leben des schwulen Berliners Fritz – im KZ und in der Zeit um 1969, hier das Interview mit dem Autor
© Ralf Martin
SIS 17.6.2010 - Rainer, deine Romanfigur Fritz steht stellvertretend für eine Generation schwuler Männer, die unter der NS-Diktatur, aber auch in der frühen Bundesrepublik leiden musste. Warum war es dir ein Bedürfnis, diese Geschichte zu erzählen? „Zwei Lieben“ habe ich wider das Vergessen geschrieben. Ich wünsche mir, dass das Leben und Leiden der verfolgten Schwulen im Nationalsozialismus, aber auch in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik der Nachwelt im Gedächtnis bleibt, denn diese Art der Verfolgung darf es nie wieder geben.
Inwiefern konnten dir Zeitzeugen bei der Recherche helfen? Der letzte mir bekannte KZ-Überlebende, der einen rosa Winkel trug, ist fast 100 Jahre alt und nicht mehr bei guter Gesundheit, sodass ich ihn nicht befragen konnte. Ich musste deshalb auf andere Quellen rekurrieren: autobiografische Aufzeichnungen von Überlebenden, Porträts über Betroffene. Besonders hilfreich war für meine Recherche der Film „Paragraph 175“ von Robert Epstein und Jeffrey Friedman, der sechs schwule KZ-Überlebende porträtiert.
Was hat dich da am meisten beeindruckt? In dem Film berichtet ein Überlebender, dass er nach dem Krieg jahrzehntelang mit keinem Menschen, nicht einmal mit seiner Mutter, über seine Zeit im KZ sprach. Als er dies erzählt, bricht er in Tränen aus. Diese Szene hat mich sehr erschüttert, zeigt sie doch, dass das Thema Schwulenverfolgung ein Tabu blieb und die Betroffenen nur wenige bis gar keine Möglichkeiten hatten, darüber zu reden.
Wie im Theaterstück „Bent“ verliebt sich auch Fritz im KZ in einen Mann. Für wie realistisch hältst du solche Beziehungen? Es gibt Quellen, die solche Beziehungen belegen, z. B. die unter dem Pseudonym Heinz Heger veröffentlichte Autobiografie „Die Männer mit dem rosa Winkel“. Meines Wissens griff auch Martin Sherman für sein Theaterstück „Bent“ auf das Buch von Heger zurück. Heger berichtet, dass die Lagerleitung im KZ Flossenbürg es duldete, wenn sich ein Kapo einen Geliebten nahm. Die Kapos (privilegierte Häftlinge im KZ, Anm. der Red.) waren in der Regel heterosexuell, und so war der Sex mit einem Geliebten eher eine Art „Handlung am Ersatzobjekt“, da Frauen in Flossenbürg, das ein reines Männerlager war, nicht zur Verfügung standen.
Fritz überlebt das KZ, doch erst 1969, nach der Entschärfung des Paragrafen 175, hat er sein Coming-out und ist wieder offen für die Liebe. Bis 1969 galten homosexuelle Handlungen automatisch als kriminell, sodass Schwule gezwungen waren, ein Doppelleben zu führen. Der, der seine wahre Identität und Neigung nicht ausleben kann, ist kein freier Mensch.
Kann man überhaupt wiedergutmachen, was Männer wie Fritz erlitten haben? Mit Sicherheit nicht, weder mit Geld noch mit anderen Mitteln ist eine Wiedergutmachung möglich. Die Wunden, die Fritz und anderen zugefügt wurden, werden nie ganz heilen.
Interview: sisa
Rainer Vollath: „Zwei Lieben“, Querverlag, 207 Seiten, 14,90 Euro
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