Siegessäule - Bruce LaBruce splattert sich durch „Pierrot lunaire“, bis 10.3

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Bruce LaBruce splattert sich durch „Pierrot lunaire“, bis 10.3


Der Brachial-Künster LaBruce bringt neue Bilder für Arnold Schönbergs „Pierrot lunaire“: ein bisschen altherrenwitzig, aber dennoch gut

© Maria Fonfara

SIS 8.3.2011 – Am Anfang steht ein langer, intensiver Zungenkuss zwischen einem Tomboy in Sportswear und einer angepunkten Blondine mit Filzhaar-Wallemähne. Links ist ein Kammerorchester in schwarzweißen Sportklamotten zu sehen, rechts turnt an einem Gerüst ein muskulöser Tänzer mit Gummimaske. Willkommen in der Welt von Bruce LaBruce. Der queere kanadische Independent-Filmer zeigt im HAU 1 seine szenische Lesart von Arnold Schönberg Liederzyklus „Pierrot lunaire“. LaBruce kam beim Hören von Schönbergs Musik eine Geschichte in den Sinn, die in Toronto passiert sein soll: Ein Mädchen in Jungenklamotten verliebt sich in ein Mädchen. Deren Vater erkennt die Transgenderperformance und verbietet die Beziehung, obwohl die Tochter ihren Tomboy weiterhin liebt. Dieser will wutentbrannt dem Vater zeigen, dass er ein echter Mann ist, und sucht sich, bewaffnet mit einem Messer, einen richtigen Penis.

„Pierrot lunaire“ ist eine moderne Kastrationsgeschichte 

Langweilig wird es also nicht. Schönbergs „Pierrot lunaire“ mit seinen verschwurbelten Dekadenzbildern von Sehnsucht, Einsamkeit und Wut nimmt LaBruce als Soundtrack für eine moderne Kastrationsgeschichte. Das bringt er in gewohnter Manier, drastisch, sexuell aufgeladen und mit Splattermotiven. „Pierrot lunaire“ wird von der Dekadenzmode der Entstehungszeit 1912 befreit, was grundsätzlich erfreulich ist.

Der inflationäre Einsatz von Plastik-Penisen und der Onanierzwang des Tänzers haben allerdings bald etwas von schwulem Altherrenwitz. Von Provokation keine Spur. Wenn der weiße Tomboy ausgerechnet einen simpel gezeichneten indischen Taxifahrer im exotischen Karnevalskostüm kastriert, ist man zudem  wegen der rassistischen Untertöne befremdet. Das Kammerorchester unter Dirigent Premil Petrović überzeugt. Auch Susanne Sachsse als ist als Dragking eindrucksvoll, gesanglich hätte man sich von ihr allerdings noch etwas mehr Schärfe gewünscht.

Eckhard Weber

Pierrot lunaire, HAU1, 8., 9., 10.3., 19.30 Uhr

Mehr zur Location: HAU1

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