Siegessäule - Das Erbe von Merce Cunningham und John Cage

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Bühne

Das Erbe von Merce Cunningham und John Cage


Die Akademie der Künste und die Volksbühne feiern die Werke des einmaligen schwulen Künstlerpaares, 22., 23. und 26.9

© Hans Wild, Akademie der künste John Cage und Merce Cunningham, London (1964)

siegessaeule.de 21.9.2011 – Es war eine der künstlerisch produktivsten schwulen Partnerschaften des 20. Jahrhunderts. Und eine lange dazu: 1938 hatten sich die US-Amerikaner Merce Cunningham und John Cage kennengelernt und sie blieben bis zum Tod von Cage 1992 zusammen. Beide waren Revolutionäre ihrer Zeit, Cunningham im Modern Dance, Cage in der Musik. Und sie befruchteten sich in ihrem Erneuerungsgeist gegenseitig. Dabei hatte diese Symbiose auch etwas Paradoxes: Entwickelten beide doch für Cunninghams Choreografien das Konzept, dass Musik und Bewegung autonom und völlig unabhängig voneinander sein sollten.

Merce Cunningham Dance Company – zum allerletzten Mal 

In Berlin finden Cage und Cunningham nun wieder zusammen. Am 6. September startet die Akademie der Künste anlässlich des 99. Geburtstages von Cage die Projektreihe „A Year From Monday“, die erst 2012 an seinem 100. Geburtstag enden wird. Und an der Volksbühne gastiert im September die Merce Cunningham Dance Company – ein allerletztes Mal: Kurz vor seinem Tod im Juli 2009 hatte Cunningham verfügt, dass seine Compagnie nach seinem Hinscheiden zwei Jahre lang auf eine letzte Tournee gehen und dann aufgelöst werden soll. Beim Gastspiel wird Cunninghams letzte abendfüllende Produktion „Nearly 902“ aus dem Jahr 2009 gezeigt. Drei weitere Stücke von Cunningham zu Kompositionen von John Cage werden in der Akademie der Künste aufgeführt. Zeitgleich zeigt die Ausstellung vor Ort eine Filminstallation von Tacita Dean aus dem Jahr 2008: Der 88-jährige Cunningham interpretiert darin Cages wohl bekannteste Komposition „4’33“ – bewegungslos-still auf einem Stuhl sitzend.

Cage: Mit Zen-Meditation über die Homosexualiäts-Krise hinweg

Eines der Prinzipien, mit denen John Cage die Musik revolutionierte, war sein erweiterter Kunstbegriff, die Betonung der Bedeutung von Stille: Er hatte in einem schalldichten Raum einmal die Erfahrung gemacht, dass er einen hohen Klang hörte, sein Nervensystem, und einen tiefen, seinen Blutkreislauf. Absolute Stille gibt es also nicht, stattdessen das Einlassen auf zufällige Klänge der Umgebung, während man selbst still ist. Stille hatte Cage auch durch die Beschäftigung mit der Zen-Meditation entdeckt, die ihm über eine Krise im Zusammenhang mit seiner Homosexualität hinweghalf. In den USA der 40er- und 50er-Jahre war es praktisch unmöglich, darüber zu sprechen. Die buddhistische Sichtweise verhalf ihm zu einer Haltung der Gelassenheit. Das Mittel des Schweigens als Technik der Meditation wendete John Cage in der Folge vom Symptom der Unterdrückung zur selbstgewählten Form des Widerstandes – in der Kunst sowie im Leben. Weitere buddhistische Einsichten, die Cage in die Musik und Cunningham in den Tanz einführte, waren der Zufall und das Bezweifeln von Bedeutung.

Cages Kompositionen verlassen sich nicht mehr auf die Schaffenskraft des Künstlers und seine Fähigkeit, über künstlerischen Ausdruck Bedeutung zu transportieren. Stattdessen sind es die ZuhörerInnen, die in ihrer Wahrnehmung dem Dargebotenen – darunter oft Alltagsgeräusche – Bedeutung zuweisen. Freiheit von Bedeutung war für Cage und Cunningham immer auch Freiheit von Beherrschung, Bestimmung und Kontrolle: Der autonome Rezipient – das war das Ziel der beiden künstlerischen Anarchisten.    
Torsten Träger/ewe

„Nearly 90²“, Merce Cunningham Dance Company, Volksbühne, 22. und 23.9., 20 Uhr

„Suite For Five“, „Antic Meet“ und „Duets“, Merce Cunningham Dance Company, 26.9., 20 Uhr, Akademie der Künste, Hanseatenweg

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