Siegessäule - „El cimarrón“: eine gelungene (Wieder)entdeckung

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„El cimarrón“: eine gelungene (Wieder)entdeckung


Hans Werner Henzes „El cimarrón“, die Geschichte eines afrokubanischen Sklaven, in einer überzeugenden Inszenierung der Staatsoper

© Thomas Bartilla Bariton Hubert Wild in der Rolle des „Cimarrón“

SIS 1.3.2011 – Komponieren in Zeiten der Revolte: 1968 hat sich Hans Werner Henze eingemischt. Der schwule Komponist machte bei den Berliner Studentendemos mit, kümmerte sich um den angeschossenen Rudi Dutschke, schrieb ein Oratorium als Requiem auf Che Guevara und den politischen Liederzyklus „Versuch über Schweine“. Mit seinem Lebensgefährten Fausto Moroni ging Henze für mehrere Monate nach Kuba, arbeitete auf Zuckerrohrplantagen und in Fabriken und tauchte ins kubanische Kulturleben ein. Ein Produkt von Henzes kubanischen Erfahrungen ist das Musiktheaterstück „El Cimarrón“, die Geschichte des afrokubanischen Sklaven Esteban Montejo, der sich befreien konnte.

Henze hat auf Kuba diesen „Cimarrón“, wie auf Kuba entflohene Sklaven genannt wurden, noch kennengelernt. Hans Magnus Enzensberger hat aus den Lebenserinnerungen dieses „Cimarrón“ ein Libretto geschrieben. Auf diesen Text komponierte Henze eine Minioper für nur vier MusikerInnen, ein Musiktheaterstück, das gleichzeitig modernes episches Theater, Rezitation, Konzert und Performance ist. Die Besetzung ist klein gehalten, nur ein Sänger, Gitarre, Flöte und ein sehr umfangreiches Schlagzeug mit Donnerblech, Congas, Kuhglocken, Eisenketten, Bambusrohren und Muschelketten. Was Henze aus dieser Besetzung herausholt, kann man jetzt an der Staatsoper miterleben.

Groteske Klischees erlauben dennoch ein vielschichtiges Porträt

Der weißhäutige Darsteller des „Cimarrón“ ist schwarz angemalt. Das könnte schnell peinlich wirken, tut es aber bei dieser Inszenierung nicht. Regisseurin Sophia Simitzis überzeichnet in ihrer Produktion Klischees und Vorurteile grotesk und hebelt sie gleichzeitig aus: Videoeinspielungen in Stummfilmästhetik kommentieren die einzelnen Stationen aus dem Leben des „Cimarrón“. Wenn er sich nach der Flucht in den Wäldern versteckt, sieht man im Film weiße Darsteller mit Baströckchen, die hektisch durch den Dschungel tanzen. Wenn von bigotten Priestern die Rede ist, wird auf der Leinwand ein Missionar in den Kochtopf gesteckt. Der Bariton Hubert Wild, der den „Cimarrón“ verkörpert, gestaltet den Balanceakt zwischen Erzähler und Protagonist vielschichtig, hintersinnig, subtil, ohne Pathos und ohne auf die Agitprop-Tube zu drücken. Und auch das Erlebnis instrumentales Theater kommt zu seinem Recht. Die vier Musiker sind leidenschaftlich bei der Sache und nutzen ausgiebig und lustvoll die performativen Möglichkeiten des Musikmachens. Das Beste aber: Diese Musik hat auch nach 40 Jahren keine Patina angesetzt. Und das ist bei Neuer Musik wahrlich keine Selbstverständlichkeit.

Eckhard Weber

„El Cimarrón“, 1., 4.3., Staatsoper im Schillertheater, 20 Uhr

 www.staatsoper-berlin.de

Mehr zur Location: Staatsoper im Schiller Theater

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